Wer ist Sun Dawu?

Sun Dawu. Foto: VOA, voachinese.com. Mit Zustimmung des Urhebers publiziert.

von Konstantin Kladensky

Sun Dawu ist ein erfolgreicher chinesischer Unternehmer, der zusammen mit einigen Familienmitgliedern im November 2020 festgenommen wurde. Die Verhaftung sorgte international für Aufsehen und ist im Kontext von Suns demokratisch organisiertem Unternehmensmodell zu betrachten.

Sun Dawu wuchs in ärmlichen Verhältnissen in einem Bauerndorf in der nordchinesischen Provinz Hebei auf. Als Teenager trat er dem Militär bei und nach seiner Heimkehr sieben Jahre später arbeitete er bei einer lokalen Bank. Schließlich fing Sun 1985 an, Hühner zu züchten und baute im Laufe der Zeit ein großes landwirtschaftliches Privatunternehmen auf. Heute als Dawu Group bekannt, beschäftigt das Unternehmen über 9.000 Angestellte.

2003 wurde Sun das erste Mal festgenommen und wegen illegaler Kapitalbeschaffung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, von der er jedoch nur sechs Monate ableisten musste. Im November 2020 folgte eine weitere Verhaftung, diesmal für die vage Anschuldigung „Unruhestiftung durch Provokation“ (寻衅滋事) aufgrund von Streitigkeiten mit einem staatlichen Agrarunternehmen. Zusammen mit ihm nahmen die Behörden weitere 28 Personen aus seinem unmittelbaren Familienkreis und Arbeitsumfeld fest und froren die Konten seiner Firma ein.

Wegen toter Schweine in Haft?

Suns Verhaftung im November fiel zeitlich mit anderen Verhaftungen bekannter Unternehmerpersönlichkeiten wie Ren Zhiqiang und dem in letzter Minute gestoppten Börsengang der Ant Group zusammen. Dies hat zum Teil mit der Kontrolle des Privatsektors seitens der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) zu tun. Außerdem bietet es sich an, die Geschehnisse in den Kontext der fehlenden Rechtsstaatlichkeit Chinas zu stellen. Diese Rahmenbedingungen sind eine wichtige Voraussetzung für Suns Verhaftung, doch erklären sie uns nicht, weshalb ausgerechnet Sun Dawu ihnen zum Opfer fiel.

Sun ist einer von wenigen chinesischen Unternehmer*innen, die sich öffentlich für die Bemühungen von chinesischen Menschenrechtsanwält*innen aussprechen. Noch dazu übt er Kritik am Rechtssystem der Volksrepublik, wenn es seiner Meinung nach die Entwicklung der Landbevölkerung hemmt. 2019 hatte Sun das verharmlosende Narrativ der chinesischen Regierung entlarvt, als er die gravierenden Folgen der Schweinepest öffentlich machte. Doch scheint es nicht übertrieben, große Teile seiner Familie festzunehmen und effektive Kontrolle über die Firma zu übernehmen, bloß weil der Gründer einige Aufnahmen toter Schweine gepostet hat?

Profit ist nicht das Wichtigste

Der Zündstoff von Suns Ideen liegt weniger in seinen kritischen Äußerungen, sondern vielmehr in den ungewöhnlichen Prinzipien seines Unternehmens. Als Verfechter der sozialen Verantwortung von Unternehmen vertritt Sun die Anschauung, dass Profit nicht das höchste Ziel seiner Firma sein sollte.

Daher zeigte er sich trotz seiner unternehmerischen Erfolge bodenständig und setzt sich aktiv für die Verbesserung der Lebensumstände der Landbevölkerung und seiner Mitarbeiter*innen ein. In seiner Heimat im Kreis Xushui ließ er Schulen und Krankenhäuser bauen, da die Landbevölkerung in diesen Bereichen durch mangelnde Infrastruktur benachteiligt ist. Er subventionierte die Schule und das Krankenhaus, bis sie ihre Kosten selbst decken konnten.

Demokratische Umstrukturierung

Da Sun nach Beendigung seiner ersten Haftstrafe nicht weiterhin als Vorstandsvorsitzender fungieren durfte, war er frühzeitig gezwungen, sich mit dem Erbe und der Weitergabe seiner Firma auseinandersetzen. Die Lösung bestand darin, eine „Verfassung“ aufzustellen, um eine Balance zwischen den Interessen der Eigentümer*innen und der Beschäftigten des Unternehmens zu schaffen. Konkret bedeutet das, dass die Firma das Shareholder-System verwarf und stattdessen in den kollektiven Besitz der Familie wanderte. Familienmitglieder bekommen zwar eine Dividende ausgezahlt, müssen sich aber dennoch in der Firma als kompetente Angestellte behaupten, wenn sie mehr Profit möchten.

Zusätzlich führte Sun eine Art der „Gewaltenteilung“ ein, die Eigentum, Strategieformulierung und operative Tätigkeiten an drei separate Gremien überträgt. Die Angestellten des Unternehmens besetzen diese Gremien und wählen sie demokratisch. „In meiner Firma können die Arbeiter*innen nach einem Jahr schon für den Posten im Vorstandsvorsitz kandidieren“, erklärt Sun, „ob du Anteile besitzt, ist egal. Wenn du’s drauf hast, kannst du zur Wahl antreten.“

Zudem verbietet seine Verfassung zu große Einkommensunterschiede innerhalb des Unternehmens, regelt medizinische Versorgung und schafft ein Pensionssystem für die Arbeiter*innen. Sun Dawu schuf mit diesen außergewöhnlichen Regelungen ein sozial orientiertes und demokratisch organisiertes Unternehmensmodell.

Die Grenzen demokratischer Experimente

Suns Unternehmensmodell ist ein markantes Gegenbeispiel zu der vereinfachenden Gegenüberstellung vom grundsätzlich demokratischen Westen und dem autoritär denkenden China. Anders als in der Politik ist der Kontrast in der Privatwirtschaft weniger stark ausgeprägt. Immerhin hält auch der Westen in der Privatwirtschaft, abgesehen von wenigen Ausnahmen, noch an undemokratischen Organisationsstrukturen fest. Obwohl wir demokratische Wahlen als große Errungenschaft betrachten, ist es am Arbeitsplatz selten, „zentrale betriebliche Entscheidungen“, wie die Besetzung von Führungspositionen, mit Beteiligung der Arbeiter*innenschaft zu treffen.

Eine Organisationsform wie die von Suns Firma ist mit dem System der KPCh nur schwer vereinbar. Denn durch Suns Unternehmen sammelt die Landbevölkerung Erfahrung mit einem funktionierenden demokratischen System. Anders als bei den von der KPCh kontrollierten Wahlen auf der Dorfebene werden durch die Wahlen in Suns Unternehmen Positionen mit tatsächlicher Entscheidungsgewalt besetzt. Noch dazu macht Suns Firma der KPCh das Monopol der Koordination und Mediation zwischen verschiedenen Gesellschaftsgruppen streitig. Diese subversiven Aspekte der von Sun Dawu entwickelten Organisationsstruktur erklären auch, weshalb die Behörden sofort die Kontrolle über die Firma übernahmen.

Ähnlich wie im Dorf Wukan etablierten sich in Suns Unternehmen demokratische Wahlen außerhalb der Kontrolle der Partei und blieben für einen begrenzten Zeitraum erhalten. Während es beim gestoppten Börsengang der Ant Group darum ging, die Macht von Privatunternehmen einzudämmen, signalisiert Suns Verhaftung, dass die Partei das Entstehen alternativer Organisationsformen nicht duldet. Es ist somit um einiges zutreffender, Parallelen zwischen Suns Verhaftung und dem Experiment Wukan zu ziehen.