Am Rande des guten Geschmacks

Von Michael Prammer

In Zeiten eines stark verbreiteten Bewusstseins über Hunger und Armut in vielen Ländern der Welt erscheint es oft als dekadent oder moralisch nicht vertretbar, sich wie im Falle des Wettessens öffentlich aus sportlichen Gründen der Fresslust hinzugeben. Doch abseits der Moral stellt sich die Frage, ob man eine solche Angelegenheit als Sport betrachten kann, oder nicht.

Es ist ein heißer Tag im Juli 2010, die Sonne brennt unablässig auf die Köpfe der Wettkämpfer, die sich auf einer Bühne auf Coney Island in New York versammelt haben. Ihre Stirnen glänzen vom Schweiß, die Blicke sind konzentriert und fest entschlossen. Nur noch wenige Sekunden trennen die Wettkämpfer vom Finale des „Nathan’s Hot Dog Eating Contest“, der jedes Jahr in den Vereinigten Staaten abgehalten wird. Doch plötzlich kommt es zum Eklat: Joey Chestnut, der amtierende Weltmeister und Träger des „Senfgürtels“ soll gerade zum Sieger gekürt werden. Da versucht ein sichtlich aufgebrachter junger Mann, sich Zugang zur Festbühne zu verschaffen. Verbissen kämpft er sich durch die Menschenmassen, doch bevor er sein Ziel erreichen kann, wird er von mehreren Polizisten überwältigt und von der Bühne eskortiert. Enttäuscht klammert er sich an einem Absperrungsgitter fest und schreit seinen Frust in Richtung der Veranstalter hinaus: „Lasst mich essen! Lasst mich essen!“, alles vergeblich. Auch das Publikum stimmt mit ein, alle wollen diesen Mann essen sehen.

Es handelt sich um den 33-jährigen Japaner Takeru Kobayashi, der ein „Food Fighter“, also ein professioneller Wettesser ist. Kobayashi scheint mit einer Körpergröße von 1,73 Meter und einem Normalgewicht von 58 Kilogramm nicht ganz zwischen die teils hünenhaften und stets hungrig wirkenden Bierbauchträger zu passen, die mit ihm um die Wette essen. Und dennoch trat er in den Jahren von 2001 bis 2006 sechsmal in Folge als Sieger aus dem Hotdog-Bewerb hervor. Das brachte ihm den Beinamen „der menschliche Tsunami“ ein. Im Jahr 2007 fand die Siegesserie ein abruptes Ende: Kobayashi zog sich während des Trainings eine Verletzung des Kiefers zu, und musste den Titel seinem Konkurrenten Joey Chestnut überlassen. Eine Streitigkeit zwischen Kobayashis Management und den Veranstaltern des Hotdog-Bewerbs führte zur Eskalation und dem Ausschluss Kobayashis von allen Bewerben. Doch wie sieht es mit der Rolle des Wettessens in Japan eigentlich aus? In der Vergangenheit erfreuten sich diese Bewerbe großer Beliebtheit. Eine Vielzahl verschiedener Wettbewerbe wurde japanweit im Fernsehen ausgestrahlt. Der „Wettess-Boom“ fand jedoch 2005 ein plötzliches und tragisches Ende, als ein japanischer Mittelschüler in Aichi bei einem Wettessen mit seinen Schulkameraden erstickte. Daraufhin setzten die japanischen Fernsehsender die sofortige Absetzung aller Wettess-Sendungen durch; ein schwerer Schlag für das Wettessen als Sport. Die meisten japanischen Wettesser gaben daraufhin ihre Ambitionen auf, und die FFA (Food Fighter Association) wurde aufgelöst. Doch Kobayashi und einige wenige andere machten weiter und versuchten, den Stand des Wettessens in der japanischen Gesellschaft zu verbessern.

So wurde versucht, Wettessen als Sport zu etablieren. In einem Artikel der Satzung der von Kobayashi 2007 gegründeten UFFO (United Food Fighter Association) wird Essen zum Beispiel als „die Grundlage jeder Sportart“ festgelegt, also ein Sport vor dem Sport. Die Frage, ob Wettessen nun tatsächlich ein Sport ist oder nicht, scheidet jedoch die Geister. Trotz umfangreicher PR-Aktionen finden sich nur vereinzelt Befürworter. Sie sind zumeist in Kleingruppen organisiert, die die öffentliche Wahrnehmung des Sports positiv beeinflussen wollen. Dennoch verfügen die vorgenommenen Aktionen über zu wenig Breitenwirksamkeit, und somit ist der Löwenanteil der öffentlichen Meinung noch immer von extremen Vorbehalten geprägt. Gerade vor diesem Hintergrund ist es besonders schwierig, sich eine Zukunft für das Wettessen als „etablierte Sportart“ in Japan vorzustellen. Tragödien wie der Tod eines Grundschülers, sowie weitere Negativschlagzeilen über die allgemeine Gefährlichkeit des Wettessens, haben dessen Ruf verschlechtert. Ein möglicher Hinweis für eine positive Entwicklung liegt aber in der äußerst schnellen Reaktion der „Food Fighter“ auf die aktuelle Katastrophe in Japan. Innerhalb von nur zwei Wochen wurde eine Unterstützungsorganisation von Kobayashi ins Leben gerufen, welcher viele internationale Wettkämpfer angehören. Diese Entwicklung hätte das Potential, eine positive Wahrnehmung des Wettessens in der Öffentlichkeit zu erreichen.

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