Ein „Chinesischer Traum“ mit Beethoven?

Foto: "United Nations Secretary-General designates pianist Lang Lang from China as a United Nations Messenger of Peace" von United Nations Photo. Lizenziert unter CC BY-NC-ND 2.0

von Josef Wirth

Klassik-Weltstars aus China sind mittlerweile keine Ausnahme mehr. Das Interesse für westliche klassische Musik in der chinesischen Gesellschaft wächst stetig. Musik dient aber nicht nur der Unterhaltung, sie spielt auch beim globalen Prestige-Rennen eine wichtige Rolle.

Heute ist die Musik Mozarts und Beethovens bis in die Breite der chinesischen Gesellschaft vorgedrungen. Im Jahr 2006, zum 250. Jubiläum von Mozarts Geburtstag, war sogar von einem „Mozartfieber“ die Rede. Ähnlich die Begeisterung für Beethoven: Die Entstehungsgeschichte von Beethovens Mondscheinsonate ist fester Bestandteil des chinesischen Schulunterrichts. Das große Interesse für Klassik in China ist nicht zu übersehen. Woher kommt dieses Interesse und welchen kulturellen Stellenwert genießt westliche klassische Musik in China?

Mit klassischer Musik in die Moderne

Die ersten Begegnungen mit der europäischen Tradition der klassischen Musik in China reichen bis ins 16. Jahrhundert, zu den Jesuitenmissionen, zurück. Erst aber durch den Einfluss Japans während der Meiji-Ära (1868–1912) stand die Musik als Symbol für europäische Moderne und behielt diesen Status fortan weiter. Chinesische Intellektuelle, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Japan studiert hatten, brachten neben westlicher Wissenschaft auch westliche Musik mit dem Ziel nach China, das Land nach dem Vorbild Japans zu modernisieren.

Im Zuge der Neuordnung vieler Bereiche – von Politik und Recht bis hin zur Medizin – nach westlichem Gedankengut, erhielt die klassische Musik eine Art „Modernisierungsauftrag“. Damit setzte eine Verbreitung der Klassik weit über die Mauern des Kaiserpalastes hinaus ein, die während der Republikzeit (1912–1949) in China ihren Höhepunkt erreichte.

Beethoven im Tumult der Revolution

Nach der kommunistischen Machtübernahme im Jahr 1949 förderte die nunmehrige Volksrepublik China westliche klassische Musik zunächst im Rahmen staatlicher Kulturpolitik mit nationalistischer Ausrichtung. Mao formulierte das in einem Appell an die Musikschaffenden des Landes von 1956:

„Um die chinesische Musik neu zu ordnen und weiterzuentwickeln müssen wir auf euch, Studierende westlicher Musik, setzen – ebenso wie die Neuordnung und Weiterentwicklung der chinesischen Medizin des Studiums der westlichen Medizin bedarf.“

Spätestens mit der Ausrufung der Kulturrevolution 1966 war es aber mit dem von Mao erwähnten nützlichen Studium des Westens definitiv vorüber: Das Hören und Spielen westlicher Musik, wie auch anderer westlicher Kulturformen, mit Ausnahme des revolutionären Balletts, war ein politisches Vergehen. Trotzdem hielt etwa der Paukenspieler und Dirigent der Shanghai Symphony Lu Hongen, an der Liebe zu Beethovens Musik fest – sogar bis zu seiner Exekution.

Musik stand im Dienst „revolutionärer“ Propaganda. Die einzig offiziell erlaubte Musikkultur war die von Maos Frau Jiang Qing entwickelten „Modellopern“, eine Verschmelzung von Elementen chinesischer Musik, europäischer Romantik und „revolutionärer“ Inhalte. Diese neue Gattung bestand aus Pekingoper, Ballett, symphonischen Werken und später auch aus Klavierstücken.

Video: Ausschnitt aus „The Red Detachment of Women“, 1972
Quelle: Youtube/qian zimin

Mit der Normalisierung der US-China Beziehungen wurde das Spielen westlicher klassischer Musik schrittweise wieder gestattet. Bereits im Herbst 1973, ein Jahr nach dem Besuch des US- Präsidenten Nixon in der Volksrepublik China, kam das Philadelphia Orchestra auf Einladung der chinesischen Regierung zu einer Konzerttournee nach China. Im letzten Moment fügten die chinesischen Organisator*innen die 6. Symphonie Beethovens auf persönlichen Wunsch von Jiang Qing dem Konzertprogramm hinzu. So fand die als „bürgerlich“ abgestempelte Kunst noch vor dem Ende der Kulturrevolution ihren Weg zurück auf die chinesischen Bühnen.

In weiterer Folge machten die Musikkonservatorien wieder auf, Konzerte westlicher Musiker*innen nahmen zu und chinesische Symphonieorchester wurden wieder stärker gefördert. Europäische klassische Musik erlebte Ende der 1970er Jahre wahrlich eine chinesische Renaissance.

Träume von der Weltmacht

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte ist in China eine breite urbane Mittelschicht entstanden, was die Nachfrage nach kulturellen Gütern, insbesondere im Bildungsbereich, immens gesteigert hat. Da Bildungsplätze rar sind, herrscht große Konkurrenz unter den Bewerber*innen. Kulturelles Kapital in Form von Wissen und Können im Bereich der klassischen Musik dient unter anderem dazu, sich von der Konkurrenz abzuheben und soziales Prestige zu erlangen.

Dieses Prestige ist, wie oben angedeutet, historisch bedingt. In der Kulturrevolution war es der universale, internationale Charakter von Ballett, der nach außen diplomatischen Zwecken im Austausch mit anderen sozialistischen Staaten und nach innen der Propaganda diente. Heute ist es die Klassik, dessen Image als globales Kulturgut in China eine ähnliche Funktion erfüllt.

So wird das hohe kulturelle Ansehen westlicher klassischer Musik nach innen für Repräsentationszwecke bei diversen Regierungsveranstaltungen durch die Mitwirkung chinesischer Orchester, Chöre oder Opernensembles und nach außen zur Verbesserung von Chinas Ansehen in der Welt genutzt. Auch österreichische Musikinstitutionen wie die Wiener Philharmoniker sind an politischen Veranstaltungen beteiligt und repräsentieren das Land nach außen hin, nur wird diese Funktion in Österreich nicht in staatliche Pläne mit Weltmachtphantasien integriert.

Genau diese Phantasien finden sich im „Chinesischen Traum“, einer unter Xi Jinping gestarteten Kampagne der Kommunistischen Partei, die das Motiv der „Wiederauferstehung“ Chinas zu einer wohlhabenden Weltmacht propagiert. Diese Kampagne dient in erster Linie dem Wecken nationalistischer Gefühle, andererseits aber auch der Legitimation für die ökonomische, militärische und kulturelle Expansion Chinas. Chinesische Politik und Musikinstitutionen vermitteln das in etwa so: Chinesische Musiker*innen, die sich das Wissen und Können westlicher klassischer Musik aneignen, leisten über die Weltbühnen der Klassik durch ihr individuelles Streben nach künstlerischer Perfektion und das internationale Renommee einen Beitrag zur „Wiederbelebung der chinesischen Nation“, wie die offizielle Parteilinie lautet.

Wenn sich Musikinstitutionen, wie das Zentrale Musikkonservatorium in Peking auf die „Verfolgung der Xi Jinping-Ideen“ und die „Verwirklichung des Chinesischen Traums“ beziehen, bedeutet das nicht, dass sie diese Ideologie auch immer teilen. Jedenfalls aber zeigt es die Notwendigkeit, sich zumindest nach außen hin zum politischen Narrativ zu bekennen und die eigene Tätigkeit im Kontext der Ideologie einzuordnen. Das erklärt sich aus der engen Verschränkung von Politik und Musik. In der „Symbiose“ aus Regierung, Partei, Musikinstitutionen und Musiker*innen, ist es der Regierungsapparat, welcher das Musikfeld ideologisch ausrichtet und für die finanzielle Erhaltung sorgt.

China als Weltmacht der Musik?

Welchen Nutzen zieht die chinesische Politik daraus, westliche klassische Musik zu fördern? Die Klassik spielt als international handelbares kulturelles Kapital im globalen Prestige-Rennen eine wesentliche Rolle. Wer das Wissen und Können westlicher klassischer Musik beherrscht, dem wird dieses kulturelle Kapital zuteil. Anders gesagt: die Klassik steht für die Weltbühne. Wer auf dieser spielt, erreicht ein Weltpublikum, erhält internationale Aufmerksamkeit und internationale Wertschätzung. Das Streben Musikschaffender nach internationalem Prestige ist wohl kaum eine chinesische Eigenheit. Die nationalistisch verträumte politisch-mediale Umgebung der Musik dagegen schon.

China ist auf bestem Wege, zum weltweit größten Klassik-Absatzmarkt zu werden. Klar ist auch, dass chinesische Musikschaffende sowie chinesische Spielstätten einen wesentlichen Teil der internationalen Klassik-Welt von heute ausmachen. Die Frage besteht aber, ob das Narrativ der Kommunistischen Partei Chinas – dass der Erfolg chinesischer Klassik-Künstler*innen gleichzeitig den Erfolg Chinas als kulturelle Weltmacht symbolisiere – auch so beim internationalen Publikum ankommt. Der „Chinesische Traum“ ist somit jedenfalls noch nicht ausgeträumt.

Literatur:

  • Cai, J. & Melvin, S. (2015). Beethoven in China: How the Great Composer Became an Icon in the People’s Republic. Penguin Books Australia.
  • Melvin, S. & Cai, J. (2004). Rhapsody in Red: How Western Classical Music Became Chinese. Algora Pub.
  • Ross, A. (2008, Jul 07). Symphony of Millions: A critic Abroad. The New Yorker, 84, 84.