Ein Körper, 30.014 Seelen

Mark-Stephan Kolesik bei der Arbeit in Sanan Mark-Stephan Kolesik bei der Arbeit in Sanan. Foto: Mark-Stephan Kolesik

Reportage
von Mark-Stephan Kolesik

Wie fast jeden Morgen wache ich mit schrecklichen Rückenschmerzen und einem steifen Nacken auf. Das liegt aber nicht daran, dass ich nun bereits seit über einem Monat auf einer hauchdünnen Matratze am Boden schlafe. Vielmehr zeigen mir diese Schmerzen, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben tagtäglich beinharte körperliche Arbeit verrichte. Als ich Anfang September in Sanan ankam, dachte ich nicht, dass mir das südkoreanische Landleben so zu schaffen machen würde. Ich ahnte aber auch nicht, dass dieses kleine, von der Konsumwelt der kapitalisieren Gesellschaft Südkoreas weitgehend abgeschnittene Dorf mein Leben so nachhaltig verändern würde.

Gespannt stehen wir neben der Einfahrt des Dorfes. Wir, das sind drei Generationen und eine automatische Desinfektionsanlage für Autos, welche die Farm vor dem Eindringen gesundheitsgefährdender Keime schützen soll. „Wann kommt er denn?“ fragt Yoon Seong-yeol, der Älteste unter uns, ungeduldig. „Malte sollte bald da sein. Deutsche sind doch immer pünktlich“ antwortet Okjin, eine junge Koreanerin, die mit mir gemeinsam im Dorf arbeitet. In der Ferne sehen wir ein Motorrad die kurvigen, vom Regen aufgeweichten Straßen in unsere Richtung kommen. Das Motorrad kommt vor der Desinfektionsanlage zum stehen. Malte, ein deutscher Journalist aus Seoul, steigt ab und begrüßt uns, noch bevor wir ein Wort sagen können. „Du bist also Mark? Ich werde dich heute bei deiner Arbeit im Dorf begleiten.“ Malte war gerade erst angekommen und hatte bereits nur eines im Kopf: Arbeit. „Typisch Deutsch“, dachte ich.

Für Seong-yeoul ist der Besuch eines Reporters in Sanan keine Neuheit mehr. Seit er gemeinsam mit anderen Familien vor 25 Jahren das Dorf Sanan erbaut hat, kommen viele Menschen, die den ungewöhnlichen Lebensstil der Bewohner mit eigenen Augen sehen wollen. Die kleine Gemeinschaft hat sich von der koreanischen Konsumgesellschaft losgesagt, um nun möglichst ressourcensparend, und im Einklang mit der Natur zu leben. Sie bestreiten ihren Unterhalt durch den Verkauf von Bio-Eiern, welche jeden Tag in den dorfeigenen Hühnerstallungen von Arbeitern und Freiwilligen eingesammelt werden. Diese werden anschließend im Handel mit Dörfern aus der Umgebung gegen andere Lebensmittel getauscht. Die Dorfgemeinschaft nahm die heute immer beliebter werdende ökologisch verantwortliche Lebensweise bereits in den 1980er Jahren ernst, als man das Dorf etwa 50 Kilometer südlich der Hauptstadt Seoul aufbaute. Man geht diesen Weg so konsequent, dass selbst die Toiletten ohne Wasserspülung funktionieren.

Für mich ändert Maltes Besuch nichts an meinen Verpflichtungen. Insgesamt 30.000 Hennen und Hähne warten darauf, gefüttert und gepflegt zu werden. Für etwa 10.000 davon bin ich verantwortlich. Am Tag wird zwei Mal gefüttert und Eier werden eingesammelt, einmal morgens und einmal nachmittags. Alles händisch, versteht sich. Es ist neun Uhr, und als wir die Farm betreten, hat die Arbeit der anderen schon lange begonnen. Malte begleitet mich mit seiner Kamera. Nun allerdings nicht mehr in seinem modern-legeren Outfit, sondern in einfacher Arbeitskleidung, die wir hier alle auf der Farm tragen müssen. „Jeder soll sich hier bei der Arbeit gleich fühlen“, erkläre ich Malte, der bereits begonnen hat, die Farm und mich aus allen möglichen Positionen zu fotografieren.

„Wieso Korea? Und wieso gerade hier? Was hat dich dazu bewegt drei Monate auf einer Hühnerfarm in Südkorea zu arbeiten?“ fragt der junge Journalist, der bereits seit mehreren Jahren in Seoul lebt und arbeitet. Er hat unter anderem für den Spiegel Online und die Zeit geschrieben, in Österreich für die Tageszeitung ‚derStandard‘. In Korea hat er sich bereits ein gutes Netz an Kontakten aufgebaut. Von mir und meinem Abenteuer hat Malte über die Online-Community meet-korea.de erfahren.

Von Korea hörte ich vor meiner Ankunft fast nur im negativen Sinne. Von einem Land, dessen Bevölkerung, von Kriegsdrohungen des nördlichen Nachbarn gebeutelt, in Angst und Schrecken leben muss. Ein Land, das aufgrund seiner Größe in der Geschichte immer wieder durch mächtigere Nachbarn ausgebeutet wurde. Als Stadtkind war mir auch die Landarbeit völlig fremd, und Arbeit nur etwas, das man am Schreibtisch erledigt. Ein Kulturschock an allen Fronten also. Und eine hervorragende Möglichkeit, um eine Erfahrung fürs Leben zu machen.

Ich zeige mich überrascht über Malte, der mich nun bereits über acht Stunden hinweg begleitet und alles akribisch festhält. Klar ist das hier seine Arbeit. Wäre es allerdings nur ums Schreiben gegangen, hätte er uns bereits viel früher wieder in Richtung Millionenmetropole Seoul verlassen können. So merke ich, dass diese Arbeit nicht nur mich geformt hat. Als Malte, Hände und Beine von sich gestreckt, auf den Boden fällt und vor Erschöpfung schnauft, merke ich, dass der heutige Tag auch an ihm Spuren hinterlassen hat. Ökologische Themen, Umwelt und Energiewirtschaft haben ihn schon länger interessiert. Und dieses Dorf sei ein sehr außergewöhnliches in Südkorea, meint er.

Nach getaner Arbeit setzen sich die 14 Bewohner des Öko-Dorfes in Gyeonggi-do, Südkorea, an den Tisch, um ihr Abendmahl gemeinsam zu sich zu nehmen. Zum Abendessen gibt es traditionelles koreanisches Essen. Selbst angebauter Bio-Kimchi (fermentiertes, scharfes Gemüse) in den verschiedensten Variationen, Reis, der ohne Verwendung von Pestiziden aufwachsen konnte, und Fleisch von Tieren aus artgerechter Haltung. „Wir konnten hier nicht immer so frei leben. Und nicht immer wurde unsere Lebensweise so akzeptiert wie heute“, erklärt der Dorfälteste Yoon Seong-yeol . Die Gemeinschaft lebt nach den Grundsätzen des Yamagishi Glaubens, der in Japan entsprungen ist. Dabei handelt es sich weniger um einen Glaubensgemeinschaft, als vielmehr um eine Lebensphilosophie. Ihr Hauptgrundsatz besagt, dass Natur und Mensch in einem „Ein-Körper“-Zustand mit- und voneinander leben. Er leitet den Alltag dieser Menschen. Dieses ökologische Leitbild kann als eine frühe Form der heutigen Ökobewegung angesehen werden. „Haben Sie seit der Wirtschaftskrise ein erhöhtes Interesse an Ihrer Gemeinschaft bemerkt?“, fragt Malte, der versucht, die nicht nach Besitz strebende Lebensweise der Dorfbewohner zu ergründen. „Die Menschen in Südkorea haben nun zwar größeres Interesse an biologischem Anbau, nicht aber an unserer wirtschaftlichen Ausrichtung“ antwortet Seong-yeol. Die Arbeit auf der Farm wird den Dorfbewohnern nicht ausgezahlt. Vielmehr arbeitet jeder für die Gemeinschaft. Das erwirtschaftete Geld kommt auf ein gemeinsames Konto, das vom gesamten Dorf verwaltet wird. Persönliche Bereicherung gibt es also nicht, Geld wird dort ausgegeben, wo es benötigt wird.

Dies hat dem Dorf in Zeiten der Militärdiktatur oft Schwierigkeiten eingebracht. In einer Zeit, in der man überall kommunistische Spione aus dem Norden vermutete, war ein Dorf dieser Art von den Behörden nicht gerne gesehen. Der Feind konnte hinter jeder Ecke lauern, und Sanan als Hort kommunistischen Gedankenguts dienen.

Erst die Demokratisierung des Landes brachte Entspannung. Misstrauen und Vorurteile konnten durch gemeinsame Festlichkeiten und Bauernmärkten mit anderen Dörfern abgebaut werden. Seit wenigen Jahren engagiert man sich außerdem, Volontäre in das Dorf einzuladen. Dies gab auch mir die Chance, in dieses kleine Ökosystem einzudringen.

Nun stehen wir wieder hier. Wir vier, das sind Malte, Ockjin, die Desinfektionsanlage und ich. Es ist schon spät, bereits nach neun Uhr. Die meisten Arbeiter, darunter auch Seong-yeol, haben sich bereits in ihr Zimmer zurückgezogen, denn morgen wartet ein weiterer Tag voller Arbeit. Als sich Maltes Motorrad dieselbe, nun mit Matsch bedeckte Straße hinauf schlingt, weiß ich, dass wir uns nicht zum letzten Mal gesehen haben.

Auf mich warten hier, in einer Enklave konsumkritischer Menschen, zwei weitere lehrreiche Monate harter Arbeit. Heute, nach über zwei Jahren kann ich sagen, dass mich bisher keine andere Lebenserfahrung so geformt hat, wie jene drei Monate in Sanan. Ich habe nicht nur gesehen, sondern auch verstanden, welcher Aufwand benötigt wird, um jene Ressourcen herzustellen, die wir im täglichen Leben als selbstverständlich hinnehmen. Die Arbeit mit den Tieren und auf der Farm hat mich gelehrt, wie kostbar Essen ist. Und die bescheidene Art der Bewohner dieses Dorfes war für mich ein beeindruckender Beweis dafür, dass Solidarität und Nächstenliebe Dinge sind, von denen unsere Gesellschaft ganz bestimmt mehr benötigt.

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