Milliardär*innen: Auf den Spuren Jack Mas und Co.

Foto: "Flowerman & Lamborghini, Shanghai, 2015" von november-13. Lizenziert unter CC BY-NC 2.0.

Kommentar von Katharina Menz

Jack Ma ist wieder da, und die neue Milliardär*innen-Forbes-Liste auch. 2021 hat sich viel getan. Eine Spurensuche nach den Reichsten der Super-Reichen, ihrem Vermögen und der ungleichen Welt, die sie verkörpern. „Crazy Rich Asians“ oder Crazy World?

2021 schlagen Milliardär*innen alle Rekorde. Weltweit gibt es aktuell 2.755 Milliardär*innen. Letztes Jahr waren es noch 2.095. Die Pandemie brachte also 660 neue Super-Reiche hervor, so viele wie noch nie. Ihr geschätztes Gesamtvermögen beläuft sich 2021 auf 13,1 Billionen Dollar (13.100 Milliarden), im letzten Jahr waren es noch 8 Billionen, im Jahr 2000 eine Billion. Die reichsten der Super-Reichen teilen den Kuchen unter sich auf und besitzen so viel Vermögen wie 60 % der Weltbevölkerung, also wie 4,6 Milliarden Menschen.

Die vermögendsten Menschen Asiens kommen aus Indien, China und Japan. Sie stiegen in den vergangenen Jahren im globalen Ranking nach oben und nehmen einen zunehmend größeren Anteil der Milliardär*innen ein. Dieser Trend scheint auch in Hollywood Aufmerksamkeit zu erregen: Der Film „Crazy Rich Asians“ lässt superreiche Asiat*innen auf internationalen Kinoleinwänden tanzen und zeichnet ein Bild des verrückten und glamourösen Reichtums „Asiens“. Sie sind nicht bloß reich, sie sind „crazy“ reich.

Die Crazy-reichen der Super-Reichen

Milliardär*innen sprengen die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens. Bei einem monatlichen Nettoeinkommen von 2.500 Euro muss man sehr lange arbeiten, um eine Milliarde Euro zu erwirtschaften. Genauer gesagt: 33.333 Jahre. Vor so vielen Jahren in etwa gesellten sich die ersten Homo Sapiens zu den Neandertaler*innen in Europa.

Milliardär*innen sind demnach extrem weit entfernt von „normalen“ Reichen, wie beispielsweise Millionär*innen. Eine Million Sekunden sind ungefähr 11,5 Tage. Eine Milliarde Sekunden sind etwa 32 Jahre. Ein*e Milliardär*in steht im selben Verhältnis zu eine*r Millionär*in wie ein*e Millionär*in zu einer Person, deren Gesamtvermögen sich auf 1.000 Dollar beläuft, also gerade einmal ein Smartphone besitzt. Diese enormen Vermögensunterschiede sind selbst für einen modernen Homo Sapiens mit Taschenrechner kaum greifbar.

Jack Ma und Co.

Jack Ma besitzt gleich 48,4 von diesen Milliarden und ist unter den Milliardär*innen in Asien wahrscheinlich der prominenteste. Nach der Gründung der Alibaba Group 1999 verfolgte ganz China seine unternehmerischen Ambitionen, bis Jack Ma Ende Oktober 2020 von der Bildfläche verschwand, ausgerechnet, nachdem er Kritik an der chinesischen Regierung geübt hatte. Anfang des Jahres tauchte er wieder auf, allerdings nicht mehr als Chinas reichste Person, denn Zhong Shanshan wechselte mit dem Börsengang seines Mineralwasser-Konzerns Nongfu Spring auf die Überholspur. Zhongs Gesamtvermögen stieg innerhalb eines Jahres von zwei auf 68,9 Milliarden Dollar, wuchs also um prickelnde 3.000 Prozent.

Gewiss sind Jack Ma und Zhong Shanshan bemerkenswerte Persönlichkeiten und haben durch ihre harte Arbeit viel geleistet. Das private Durchschnittsvermögen in China beträgt 70.962 Dollar. Hat Jack Ma etwa 700.000-mal und Zhong Shanshan eine Million-mal mehr gearbeitet als der Durchschnitt? Selbst mit intensiven Überstunden geht sich das nicht aus. Eines wird schnell klar: Milliardär*innen erwirtschaften ihr Vermögen unmöglich allein, sondern mit Hilfe ihrer Mitarbeiter*innen, der Gesellschaft und einer nicht vernachlässigbaren Portion Glück.

Erben und heiraten in Indien

Mukesh Ambani ist Indiens reichste Person und hat sein Vermögen (84,5 Milliarden Dollar) von seinem Vater geerbt. Gemäß indischer Tradition finanzierte er vor zwei Jahren die Hochzeit seiner Tochter – ein Fest für 100 Millionen Dollar. Damit könnte man 167 Wohnungen à 100 Quadratmeter in Wien kaufen (etwa eine halbe Million Euro pro Wohnung). Zum Glück blieben Mukesh Ambani nach der Feier noch 84,4 Milliarden für allfällige Immobilienkäufe übrig. Mit einem Wimpernschlag geben Milliardär*innen Summen aus, für die andere ihr Leben lang oder über Generationen arbeiten.

Japanische Golfplätze in Hawaii

Yanai Tadashi, die zweitreichste Person Japans und 44,1-facher Milliardär, leitet die Muttergesellschaft von Uniqlo, Fast Retailing. Fast Retailing betreibt mit etwa 1.000 Läden den größten Bekleidungshandel Asiens. Yanai besitzt zwar ein paar Golfplätze in Maui, Hawaii, ist aber ansonsten recht bescheiden. Der nun reichste Japaner ist Son Masayoshi mit 45,4 Milliarden. Er ist CEO der SoftBank Group Corp., einer Technologieinvestmentfirma.

Mehr Frauen?

Die allermeisten Milliardär*innen sind Männer. 2021 waren nur 11,9% der weltweiten Milliardär*innen Frauen (2018: 11,5%). Doch liest man immer öfter: Mehr und mehr der Milliardär*innen sind Frauen. Jährlich wird der Rekord der Anzahl an Frauen unter den Milliardär*innen gebrochen. Endlich mehr Chancengleichheit in der Welt?

Das echte Problem

Ist es nicht verlockend, die steigende Anzahl an Frauen unter den Milliardär*innen als ein Zeichen zunehmender Chancengleichheit zu interpretieren? Sollen wir Milliardär*innen applaudieren, weil Frauen zunehmend am Überreichtum beteiligt sind? Ein Problem der Ungleichheit mit einem Problem noch größerer Ungleichheit zu rechtfertigen ist falsch, wenn nicht gar dreist. In erster Linie stehen wir nicht vor einem Frauenproblem, sondern einem Verteilungsproblem.

Natürlich ist es wichtig, dass Frauen und Asiat*innen im globalen Vermögensspektrum aufsteigen, immerhin geht es hierbei um einen notwendigen Aufholprozess. Aber wenn es um Milliardär*innen geht, ist diese Diskussion fehl am Platz, denn sie lenkt ab und platziert die Ungleichheit bloß in einer anderen Ecke der Gesellschaft. Es ist irrelevant, ob Frauen, Amerikaner*innen oder Chines*innen das größere Stück des Kuchens besitzen. Noch weniger von Bedeutung ist, ob der Kuchen „self-made“ ist. Das echte Problem ist, dass Milliardar*innen aufzeigen, wie ungerecht die Verteilung des globalen Vermögens ist.

Schließung der Kluften?

Doch wer bemüht sich in Sachen Umverteilung? Während es beispielsweise in Japan, Korea, Taiwan und den USA eine Erbschaftssteuer gibt, bleiben diese in der Volksrepublik China, Singapur, Indien und vielen anderen Ländern (auch Österreich) aus. Auch das Vermögen von Milliardär*innen dieser Staatsangehörigkeiten bleibt vom Staat unangetastet, denn nur eine Handvoll Länder hat eine Vermögenssteuer. Das Vermögen kann daher ungestört gedeihen, während große Teile der Gesellschaft weiterhin mit Ehrfurcht und Bewunderung die Forbes-Listen von Individuen verherrlichen, deren Geld und Macht sich zu ihren Gunsten polarisiert und sich nach ganz oben verrückt.

Crazy World, Crazy Fun

In dieser verrückten Welt bleibt jedoch dem Rest von uns der Spaß am Geld auch nicht verwehrt. Wer sich auf einer bunten Weltkarte durch die Milliardär*innen-Landschaft klicken möchte, kann das auf der Forbes-Website tun. Alternativ kann man da auch das Vermögen von Milliardär*innen in Echtzeit verfolgen, unterteilt in die größten „Winner“ und „Loser“. Die neue Netflix Reality Show „The Bling Empire“ lädt ein, Asian-Americans beim Diamanten-Shopping zuzusehen. Wem das noch nicht crazy genug ist, kann das Geld von Bill Gates in Cheeseburger umwandeln. Crazy World, Crazy Fun. 

Dann sollen sie doch Kuchen essen

Milliardär*innen, egal wer sie sind und woher sie kommen, sind ein absurder Ausdruck gravierender globaler Ungleichheit. Während sie fernab der Gesellschaft den Vermögenskuchen unter sich aufteilen, kämpft ein großer Rest täglich um das Brot. Pflichtet die Gesellschaft der Existenz von Milliardär*innen bei, suggeriert sie sich selbst, sie solle doch einfach am Vermögenskuchen mitessen. Allerdings gilt nach wie vor: Wo es an Brot mangelt, isst man für gewöhnlich keinen Kuchen.