Weiyena – Ein Heimatfilm: Familie & Geschichte

Foto: Weina Zhao/Judith Benedikt

Interview mit Weina Zhao und Judith Benedikt
von Sigrid Rehak und Stefan Wackerlig

Der Dokumentarfilm „Weiyena – Ein Heimatfilm“ spannt ausgehend von der Familiengeschichte der Regisseurin Weina Zhao eine Erzählung von Beijing nach Wien, von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück. Dabei wird stets das Persönliche im Historischen gesucht. Ein Gespräch mit den Regisseurinnen des Films Weina Zhao und Judith Benedikt.

dasReispapier: Weina, du hast Sinologie studiert und bist jetzt Filmemacherin geworden. Wie ist das passiert?

Weina: Es hat mit Judith angefangen! Als ich im Master-Studium war, hat Judith eine Anzeige in einem Online-Forum für Sinologie-Studierende an der Uni Wien gepostet. Da suchte Judith nach einer Regieassistenz und Übersetzerin für die Doku „China Reverse“ über Migration aus China nach Österreich. Als „China Reverse“ dann draußen war, haben wir angefangen gemeinsam an „Weiyena“ zu arbeiten.

Dein Urgroßvater Ying Yunwei war einer der ersten chinesischen Filmemacher und heute arbeitest du selbst als Regisseurin. Wie spürbar war das „Erbe der Filmindustrie“ in deiner Kindheit und auf deinem Weg zur Filmemacherin?

Weina: Ich habe das überhaupt nicht gespürt. Es war etwas Ungreifbares, dass es diese Filmtradition in unserer Familie gab. Für mich war der Beruf Filmemacherin ungefähr so abstrakt wie Astronautin, wobei ich Astronautin sogar für greifbarer gehalten habe, weil man sich darunter etwas vorstellen kann.

Erst als in meinem Sinologie-Studium Namen gefallen sind, die mir bekannt vorgekommen sind, habe ich verstanden, dass meine Großeltern und ihre Freunde berühmte Leute waren: chinesische Intellektuelle der zwanziger und dreißiger Jahre, die die damalige Politik- und Kulturlandschaft geprägt haben. Mein Urgroßvater ist auch ziemlich in Vergessenheit geraten und erst in den letzten zehn Jahren kommt immer mehr heraus, was er eigentlich alles gemacht hat.

Was war für euch beide der Impuls, den Film zu machen?

Judith: Ich kann mich erinnern, als mir Weina zum ersten Mal von ihrer Familiengeschichte erzählt hat. Da habe ich mir sofort gedacht: Darüber müssen wir einen Film machen. Bei dieser Grundidee wusste ich noch gar nicht, wieviel Archivmaterial es über so einen langen Zeitraum hinweg – ein ganzes Jahrhundert – gab.

Der Film besteht neben den Archivaufnahmen hauptsächlich aus Videomaterial, das ihr über mehrere Jahre aufgenommen habt. Wie hat sich die Auswahl der Szenen, die es in den Film geschafft haben, gestaltet?

Judith: Es ist so wie ein Puzzle, das sich zusammenfügt, und irgendwann passen die Teile so zusammen, dass man eine Geschichte erzählt, die für das Publikum hier verständlich ist. Denn auch gebildete Leute ohne Bezug zu China wissen teils sehr wenig über chinesische Geschichte. Das war dann auch so eine Gratwanderung, welche Information bringt man rein, welche braucht man, damit man den Film verstehen kann.

Weina: Es hat etwas Intuitives, ein bisschen so wie beim Kochen. Du denkst dir, etwas fehlt und weißt nicht genau, was es ist und dann fällt dir ein: „Ah, es ist vielleicht eine Prise Muskatnuss!“

Aber es gab auch einige Szenen, die wir gerne in den Film genommen hätten, wie zum Beispiel im Haus meines Urgroßvaters. Wir gehen dort herum und ich versuche zu fragen, wie das war, als die Roten Garden gekommen sind und sie alle ihre Bücher im Hof verbrennen mussten. Meine Mutter hat nur kurz zugehört und dann gesagt „Oh, diese Fenster, die sehen so toll aus! Oh, diese Holzdecken!“ Sie hat mit diesen Details immer abgelenkt. Es war mir eigentlich wichtig, ihren Umgang mit der Erinnerung darzustellen, aber das ging sich dann platzmäßig im Film nicht mehr aus.

Wie haben die Familienmitglieder von Weina auf eure Idee reagiert, diesen Film zu machen?

Weina: Es waren alle von Anfang an sehr offen. Ich habe zuerst mit meiner Mutter darüber geredet und sie war total begeistert und hat zugestimmt. Es war erstaunlich, wie gut alle mit der Kamera zurechtgekommen sind.

Judith: Im öffentlichen Raum aber sind die Leute in China immer mehr irritiert von der Kamera. Es ist jetzt auch nicht mehr so leicht, im öffentlichen Raum zu filmen. Deshalb sind manche Leute jetzt viel vorsichtiger, wenn sie eine Filmkamera sehen.

Weina, deine Verwandten wollten bestimmt auch mitreden, was in den Film kommt und was nicht. Wollten sie sich das Material ansehen und darüber diskutieren?

Weina: Das war eigentlich überhaupt kein Thema. Meine Familie mütterlicherseits wusste ja, wie man Filme macht und ihnen war klar, dass ich die Regisseurin bin. Was die Familie väterlicherseits betrifft, war das Ganze viel zu abstrakt, als dass sie gefragt hätten, ob sie das nochmal sehen dürfen. Meine Mutter war dann eigentlich sehr begeistert, aber wir waren etwas angespannt, da wir nicht wussten, wie sie mit der Szene, in der sie weint, umgehen wird.

Diese Szene habe ich auch im Hinterkopf gehabt. Wie bist du zu der Entscheidung gekommen die Szene doch im Film zu belassen?

Weina: Ich hatte Angst, dass es vielleicht zu exhibitionistisch, zu vorführend ist. Für mich hat diese Szene die zusätzliche Bedeutung, dass sich meine Mutter nicht trösten ließ von mir. Das war mir wichtig, weil es die Beziehung zwischen uns erzählt. Wir hätten gerne mehr darüber erzählt, wie sich die Beziehung zwischen mir und meiner Mutter entwickelt, aber das ist sich, wie gesagt, leider nicht ausgegangen.

Für uns wirkt der Film wie eine Selbstfindungsreise von Weina. Trifft das vielleicht auch auf andere Mitwirkende zu?

Weina: Ich habe das erst mit der Zeit realisiert, dass es eine Selbstfindungsreise war. Bei meiner Mutter hat sich gefühlt auch etwas getan. Und in den Jahren, in denen wir den Film gedreht haben, hat sich meine Oma richtig geöffnet – auch wenn sie immer schon eine starke Frau war. Man hat gemerkt, dass es ihr ein Anliegen ist über diese Dinge zu reden. Sie hat sich geschmeichelt gefühlt, dass sich jemand endlich für sie und die Ereignisse aus ihrer Vergangenheit interessiert hat.

„Erst durch die Auseinandersetzung mit meiner Familiengeschichte habe ich Geschichte wirklich verstanden.“

– Weina Zhao

Wir haben schon darüber gesprochen, dass in dem Film sehr viel Geschichte steckt. Weina, du hast im Zuge deines Sinologie-Studiums auch viel über Geschichte gelernt – Siehst du manches durch die Arbeit am Film anders als zuvor?

Weina: Ja, also eigentlich alles! [lacht] Ich habe wirklich durch die Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte erst Geschichte verstanden. Also ich habe die Zusammenhänge erst verstanden und ich habe auch erst dann angefangen, mehr das politische Tagesgeschehen in China zu verfolgen. Plötzlich hat einfach alles so viel Sinn ergeben.

Es gab auch direkte Einflüsse: Wir haben immer geschaut, wie streng die Zensur gerade ist, wie sensibel das Thema Kulturrevolution gerade ist, ob man darüber reden kann oder wo wir noch hinfahren können, um Dinge festzuhalten. So gesehen stand Geschichte und Politik plötzlich im direkten Zusammenhang mit unserem Leben.

Wie hast du das erlebt, Judith? Wie war das für dich mit dem Persönlichen in der Geschichte?

Judith: Ich habe natürlich noch viel mehr gelernt als Weina, weil ich viel weniger gewusst habe am Anfang. Weinas Urgroßvater ist im gleichen Jahr geboren wie mein Großvater und mein Großvater war Hobbyschauspieler. Dass diese zwei Menschen gleichzeitig in so unterschiedlichen Realitäten gelebt haben, hat mich dann auch fasziniert und beschäftigt. Solche Parallelen zu ziehen, das habe ich sehr spannend gefunden.

„Es war uns wichtig eine weltweit gültige Geschichte zu erzählen“

– Judith Benedikt

War es von Anfang an eure Absicht beim Publikum das Reflektieren über die eigene Familie anzuregen?

Judith: Ja, das war bei uns schon ein sehr großer Wunsch. Natürlich sind die politischen Zusammenhänge in China anders als hier, aber in den meisten Ländern der Welt hat es in den letzten hundert Jahren Kriege oder zumindest politisch schwierige Zeiten gegeben, die die Gesellschaft traumatisiert haben. Es war uns wichtig, dass das eine Geschichte ist, die weltweit gültig ist, weil es weltweit noch sehr viel Bedarf zur Aufarbeitung gibt. Auch in Österreich ist der Nationalsozialismus, der auch noch nicht so lange her ist, einfach viel zu wenig aufgearbeitet worden.

In einigen Ausschnitten des Films sieht man, dass Mao praktisch vergöttert worden ist. Es wirkt so, als ob der Kommunismus oder der Maoismus in China eine Art Ersatzreligion gewesen ist. Wie seht ihr das?

Weina: Also für meine Mutter, oder die Familie meiner Mutter, hat das auf jeden Fall religiöse Züge gehabt. Sie hat mir einmal erzählt, dass sie während der Inhaftierung ihrer Eltern immer daran geglaubt hat, dass die Partei das Richtige macht, die Partei kann doch nicht böse sein und deswegen würde sich das Missverständnis aufklären und sie würden bestimmt wieder freikommen.

In ihrer Jugend bestand ein Hauptteil des Unterrichts darin, die Mao-Bibel auswendig zu lernen und zu rezitieren. Es gab Debattier- und Philosophiewettbewerbe, wo es nur um die Mao-Bibel ging, und meine Mutter war darin anscheinend wahnsinnig gut. Es hat sich für mich so angehört, als würde sie von Religion reden. Gleichzeitig haben wir, wie wir 2016 recherchiert haben, auch sehr viel über die Parallelen zwischen Religion und Maoismus geredet.

Judith: Ja, daran kann ich mich auch erinnern. Also ich war 2004 das erste Mal in China und damals war es so, dass alle Taxifahrer den Mao am Rückspiegel hängen gehabt haben. Sowie in Österreich eben früher vielleicht einen Rosenkranz oder ein Kreuz, und das hat schon, finde ich, was sehr Religiöses. Ich habe das damals sehr irritierend gefunden – warum hängen sich alle den Mao auf den Rückspiegel?

Weina: Es ist, glaube ich, vor allem am Land noch so. Dort haben noch viele Leute Mao-Poster zuhause hängen, also nicht nur Taxifahrer. Wie das Kreuz in Österreich, hängt dort noch der Mao an der Wand. Diese Leute können oft nicht genau erklären, warum sie den Mao unbedingt an der Wand hängen haben wollen, aber es wäre etwas Blasphemisches, ihn abzunehmen. Und das ist auch sowas mit Religion – du kannst nicht erklären, warum du das jetzt dahast, es ist einfach da und man hinterfragt das Ganze nicht.

Ihr habt im Zuge der Arbeit am Film sicher eine gewisse Metamorphose durchgemacht. Seid ihr immer noch dieselben Menschen wie vor dem Film?

Weina: Bei mir war das ein sehr turbulenter Wachstumsprozess. Ich habe mich auf jeden Fall verändert. Das ist jetzt einerseits durch den Film gewesen, andererseits auch durch die Entwicklung als Regisseurin, weil ich mich eben dadurch das erste Mal dazu berechtigt gefühlt habe, mich selber auch als Regisseurin zu bezeichnen und dadurch meinen Beruf gefunden habe. Parallel dazu wurde mir auch klar, dass das Erzählen als Person of Colour in einer weißen Mehrheitsgesellschaft sehr wichtig, gleichzeitig aber auch sehr schwierig ist.

„Stereotype Vorurteile sind immer mit Rassismus verbunden, und dagegen muss man etwas tun!“

– Weina Zhao

Wie war das in deiner Kindheit und Jugend in Wien? Hattest du das Gefühl Teil einer chinesischen oder asiatischen Community zu sein?

Weina: Nachdem meine Eltern aus Peking gekommen sind und es damals kaum Leute aus Peking gab, bin ich nicht in einer Community aufgewachsen. Ich bin auch nicht zur chinesischen Schule gegangen, meine Mutter hat mir Chinesisch beigebracht. Ich habe eigentlich erst während des Studiums meine ersten asiatischstämmigen Freundinnen und Freunde kennengelernt.

Aber richtig vernetzt habe ich mich dann erst vor circa zwei Jahren. Auf Facebook gibt es die Gruppe „Deutsche Asiaten, Make Noise“. Da gab es auch ein paar Leute aus Wien – zwar nur drei oder so [lacht] – aber es war schön und auch ermächtigend, sich mit Leuten auszutauschen, die asiatisch gelesen werden und auch politisch sind, sich für Feminismus, Anti-Rassismus und all diese Sachen interessieren, und mit denen man sich nicht nur über Bubble-Tea und K-Pop unterhält.

Diese Freundschaften sind dann auch durch den Corona-Rassismus weitergewachsen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass viele asiatisch gelesene Personen, die sich wenig damit auseinandergesetzt haben, wer sie sind und die immer versucht haben sich anzupassen, jetzt erst verstanden haben, dass solche stereotypen Vorurteile immer mit Rassismus verbunden sind und dass das ein Problem ist, gegen das man etwas tun muss.

Im Zuge dieser Anti-Corona-Rassismus-Arbeit habe ich Freundinnen und Freunde kennengelernt, mit denen ich gemeinsam das „Perilla-Zine“ gegründet habe [In dem Magazin werden Texte, Illustrationen, Comics und Fotos asiatisch gelesener Menschen veröffentlicht, Anm. d. Red.]. Wir hoffen damit der asiatisch gelesenen Community im deutschsprachigen Raum eine weitere Plattform zu geben.

Ansehen kann man sich „Weiyena – Ein Heimatfilm“ in Wien am 3. Juni inklusive Publikumsgespräch im Open-Air-Kino am Augartenspitz und am 4. Juni im Metrokino, sowie im Zuge der Diagonale am 11. und 12. Juni in Graz.

Das druckfrische Perilla-Magazin ist via perilla@riseup.net erhältlich.

12.02.2021