Der lange Abschied in unruhigen Zeiten

Trauernde warten um Zulass zum Sarg von König Bhumibol. Im Hintergrund befindet sich das Krematiorium. Bild: Thomas Immervoll

Reportage
von Thomas Immervoll

Gegenwärtig finden in der thailändischen Hauptstadt Bangkok die Begräbniszeremonien für den verstorbenen Langzeitkönig Bhumibol statt. DasReispapier-Redakteur Thomas Immervoll machte sich ein Bild vor Ort.

„Bis vor einigen Monaten konnten auch Menschen aus dem Ausland vom toten König Abschied nehmen. Nun ist das nur mehr Thais möglich“, berichtet uns die Führerin. Sie begleitet uns auf unserem Besuch durch das Nationalmuseum im Zentrum von Bangkok.

Es ist ein sonniger Septembertag, und draußen am Platz Sanam Luang vor dem Königspalast hat sich eine hunderte Meter lange Schlange schwarz gekleideter Menschen gebildet. Jung und Alt kommt aus dem ganzen Land, um dem am 13. Oktober des vergangenen Jahres verstorbenen König Bhumibol Adulyadej nahe zu sein. Seit Monaten besichtigen Millionen von Menschen die Urne, die an ihn erinnert.

Der Leichnam befinde sich nicht darin, so unsere Reiseführerin, er liege in einem Sarg, der hinter der Urne in einem Kühlraum aufbewahrt werde. Er ist eine Anleihe aus der westlichen Moderne und weicht von einer Jahrhunderte alten Tradition ab, wonach die sterblichen Überreste von Mitgliedern der Königsfamilie in komplizierten Verfahren ungekühlt bis zu ihrer Einäscherung in großen Urnen aufbewahrt wurden.

Abschied von einem Langzeitmonarchen

Am 26. Oktober 2018 ist nach einer einjährigen Trauerzeit die Verbrennung der sterblichen Überreste König Bhumibols geplant. Siebzig Jahre hatte Bhumibol als Rama IX. auf dem Thron gesessen, bevor er am 13. Oktober 2017 im Alter von 88 Jahren starb. Die meisten Thai hatten nie einen anderen König erlebt. Nichts symbolisierte die Einheit und die Identität des thailändischen Staates so wie der König, dessen Chakri-Dynastie seit 1782 das Land regiert. Wann immer es in den vergangen Jahrzehnten zu politischen Krisen im Land kam, war es der König, der für Ausgleich und Kontinuität garantieren konnte.

Lange war nicht klar, wer die Nachfolge des Langzeitkönigs antreten würde. Am 1. Dezember 2016 trat schließlich der unbeliebte Kronprinz Maha Vajiralongkorn, der die meiste Zeit in Bayern lebt, in die großen Fußspuren seines Vaters und bestieg als Rama X. den Thron. Er dürfte in vierter Ehe mit Suthida Vajiralongkorn na Ayudhya, einer ehemaligen Stewardess, verheiratet sein, was vom Königshaus bisher nicht bestätigt wurde. Erst nach der einjährigen Trauerzeit um seinen Vater wird er zum König gekrönt werden. Seit seiner Amtsübernahme versucht er, die Position des Königshauses zu stärken.

„Die Vorbereitungen für die Einäscherungszeremonie dauern ein ganzes Jahr“, so unsere Reiseführerin. Wie alle Angestellten des Museums ist auch sie in schwarz gekleidet. Und tatsächlich, seit einem Jahr sind die Bauarbeiten für das Fest sichtbar in Gange. Auf dem Platz vor dem Königspalast steht ein neu errichteter, über 53 Meter hoher, vergoldeter Turm, auf dem die Einäscherung stattfinden soll. Nach der Zeremonie wird er wieder abgerissen.

Die Deutsche Presseagentur berichtet, dass allein die Baukosten für den goldenen Turm auf 25 Millionen Euro geschätzt werden. 7500 Gäste seien demnach zu der fünftägigen Zeremonie geladen, rund eine Viertelmillion Zuschauer würden das Spektakel verfolgen.

Unübersehbar ist der Tod eines amtierenden Königs ein Ereignis für das thailändische Volk, das einschneidender nicht sein könnte. Bereits in der Vergangenheit konnte man ähnlich prunkvolle Trauerrituale im Zentrum Bangkoks beobachten.

Nach altem Glauben ist der König eine Reinkarnation des hinduistischen Gottes Vishnu, dem Erhalter. Sein Tod hat daher auch eine ganz besondere religiöse Bedeutung.

Der Tod des Königs in einer turbulenten Zeit

König Bhumibol hatte während seiner Amtszeit 20 Militärputsche erlebt und war dabei stets als integrative Person im politischen System aufgetreten. Diese Rolle brachte ihm häufig Kritik ein, doch konnte er so die recht stabile Entwicklung des Landes sicherstellen. Nie hatte ein thailändischer König länger regiert als er.

Der Thronbesteigung von König Rama X. hat weitreichende Folgen in der thailändischen Politik. Seit 2014 wird Thailand von einer Militärjunta regiert. Sie hatte sich an die Macht geputscht, als der König schwer krank war und die Regierung von Yingluck Shinawatra sich in einer tiefen Krise befand. Die Premierministerin wurde beschuldigt, in ihrer Landwirtschaftspolitik öffentliche Mittel vergeudet zu haben. Im September wurde sie zu fünf Jahren Haft verurteilt. Kurz zuvor hatte sie sich ins Ausland abgesetzt und wird seit Anfang Oktober mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Nach ihrem Machtantritt setzte die Junta die geltende Verfassung teilweise außer Kraft und rief das Kriegsrecht aus. 2015 stufte die amerikanische Organisation Freedom House Thailand als unfrei ein. Per Referendum setzte die Regierung im August 2016 eine neue Verfassung in Kraft, die dem Militär mehr Einfluss gewährt.

Der Tod des Königs trifft Thailand und damit das gesamte kontinentale Südostasien also in einer politisch turbulenten Zeit. Der Abschluss des Trauerjahres könnte den Weg für eine Normalisierung ebnen. Vor wenigen Tagen kündigte Premierminister General Prayut Chan-o-cha an, im November 2018 Wahlen abhalten und so den Weg für eine demokratisch gewählte Regierung freimachen zu wollen.

Die großen Fußstapfen Bhumibols

König Bhumibol genoss während seiner langen Regierungszeit Anerkennung über die Parteigrenzen hinweg. Stets war er bestrebt, Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessensgruppen zu finden. Kam es zu schweren Auseinandersetzungen, konnte der König vermitteln und die Stabilität des Landes sicherstellen.

Seinem Sohn König Vajiralongkorn hingegen wird nachgesagt, gerne für eine der Gruppierungen Partei ergriffen zu haben. So unterstützte er in den vergangenen Jahren offenbar die Rothemden, in der die ländliche Bevölkerung Thailands überrepräsentiert waren.

Ein Land vieler ungelöster Probleme

Die Widersprüche in der thailändischen Gesellschaft bestehen weiter, auch die Politik ist nach wie vor polarisiert. Nach dem Tod des Königs musste der Wahltermin weiter nach hinten geschoben werden, viele Mitglieder der thailändischen Elite sehen diesen Wahlen eher sorgenvoll entgegen.

Während sich das Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren auf niedrigen drei Prozent eingependelt hat, ist die Verschuldung privater Haushalte in Thailand sehr hoch. Ein beträchtlicher Teil des thailändischen Wirtschaftswachstum geht auf den Tourismus zurück, weite Teile der übrigen Wirtschaft schwächeln. Der Anteil der städtischen Bevölkerung wächst rasch, ebenso die Kluft zwischen Arm und Reich.

Gleichzeitig bleiben die Beziehungen Thailands zu seinen Nachbarstaaten kompliziert. Im Süden des Landes überschattet ein bewaffneter Konflikt die politischen Beziehungen mit Malaysia. Höhepunkt waren Terroranschläge in Tourismusorten im August 2016. Die Beziehungen zu Kambodscha, Laos und Thailand waren in den vergangenen Jahrzehnten sehr wechselhaft. Auch wenn die Lage in den letzten Jahren ruhig war, bedarf es Anstrengungen, den Nachbarländern, die mit wachsendem Selbstbewusstsein auftreten, entgegenzutreten.

Eine Herausforderung ist der wachsende Einfluss Chinas. Thailand verfügt über eine starke Minderheit ethnischer Chinesinnen, die etwa 14 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Noch weit mehr Thais haben zumindest teilweise chinesische Vorfahrinnen. Chinesische Touristinnen und Händlerinnen haben daher große Vorteile, sie finden rasch Anschluss. Mit der wachsenden Stärke des chinesischen Staates und der chinesischen Wirtschaft, wächst auch die Präsenz von Menschen aus dem starken Nachbarn im Norden in Thailand.

Ein König vor großen Herausforderungen

Bisher konnte König Vajiralongkorn kaum die Position in der thailändischen Gesellschaft erreichen, die sein Vater innehatte. Vajiralongkorn, der weiterhin viel Zeit in Bayern verbringt, versuchte im ersten Jahr seiner Regentschaft, die Position des Königshauses im politischen System des Landes zu stärken. Ihn stärkt die starke Position des Königs selbst. Jeder Widerspruch gegen ihn wird mit drakonischen Strafen belegt.

Bei unserem Besuch wirkt die Lage ruhig. König Bhumibol scheint auch nach seinem Tod ausgleichend auf sein Land einzuwirken.

Wir besichtigen die königliche Wagensammlung in einem Nebenraum des Nationalmuseums. Hier befindet sich auch jene Kutsche, auf der der Sarg zum Turm in dem die Kremation stattfinden wird, transportiert werden würde. Über ein Jahr lang hat ein Team an der Restaurierung der goldenen Kutsche gearbeitet. Vor dem Gebäude befindet sich eine neu asphaltierte Straße. Auf ihr wird sich die Kutsche, gezogen von hunderten Soldaten, bewegen. Nach der Zeremonie werde sie wieder abgerissen, berichtet uns unsere Reiseführerin.

Beim Verlassen des Museums gehen wir eine Runde um den für uns gesperrten Platz. Unablässig strömen schwarz gekleidete Menschen auf das Areal. In einiger Entfernung sehen wir den Turm, auf dem der Körper des Königs verbrannt werden wird. Nach der Zeremonie wird auch er entfernt. Würde man die Bauten bestehen lassen, wäre das ein schlechtes Omen.

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