Die stillen Gleise des europäischen Imperialismus

Übergang über die Yunnan-Vietnam-Bahn in Kunming. Übergang über die Yunnan-Vietnam-Bahn in Kunming. Foto: Thomas Immervoll

Von Thomas Immervoll

Ein Eisenbahnmuseum im südchinesischen Kunming bietet einen faszinierenden Einblick in eine wichtige Episode chinesischer Kolonialgeschichte.

Leuchtend gelb erhebt sich der neu renovierte Nordbahnhof aus dem verregneten Kunming. Obwohl er direkt an einer der neuen U-Bahnlinien der südchinesischen Metropole liegt, verirren sich wenige Menschen hierher. An diesem Tag sind wir die einzigen westlichen Touristinnen, die das Gebäude betreten. Nur selten fahren Züge von hier weg. Gemächlich bewegen sich die dieselbetriebenen Lokomotiven durch dicht bebaute Viertel, vorbei an unbeschrankten Bahnübergängen. Endstationen sind Vorstädte von Kunming, nur wenige Kilometer vom Start der Reise entfernt.

Diese Bahn hat mit den Hochgeschwindigkeitszügen der chinesischen Eisenbahn, die seit einigen Jahren das ganze Land durchschneiden, nichts zu tun. Sie ist ein Überbleibsel der bewegten chinesischen Kolonialgeschichte, der Bahnhof ist ein Denkmal europäischer Baukunst des frühen 20. Jahrhunderts in China. Die letzte kommerziell betriebene Schmalspurbahn mit Personenverkehr in ganz China ist ein Meisterwerk europäischer Eisenbahnarchitektur.

155 Tunnel auf 468 Kilometer

Einst verband die Bahn die vietnamesische Küste und Hanoi direkt mit Yunnan. Über 854 Kilometer schlängelt sie sich vom Südchinesischen Meer bis nach Kunming, davon 468 auf chinesischem Territorium. Sie überquert dabei zahllose Bergpässe, der höchste über 2000 Meter hoch. Die Spurweite von lediglich einem Meter ermöglichte den Erbauerinnen engere Kurvenradien und die einfachere Konstruktion von Brücken und Tunneln. So konnten sie die Trasse leichter an das anspruchsvolle Gelände anpassen. Allein auf dem chinesischen Streckenabschnitt passiert die Bahn 107 Brücken und 155 Tunnel.

Ein Mahnmal fernöstlicher Kolonialgeschichte

Wir betreten den Bahnhof. Er war einst Endstation der prestigereichen internationalen Bahnverbindung. Neben einer kleinen Wartehalle finden wir den Eingang zum Vietnam-Yunnan-Eisenbahnmuseum. Im sehenswerten ersten Teil der 2015 neu eröffneten Dauerausstellung erhält die Besucherin einen guten Überblick über die wechselhafte Entwicklung der Bahn. Historische Fotografien und technische Ausstellungsstücke zeichnen die bewegte Entwicklung der Bahn anschaulich nach.

Die Eisenbahnlinie ist ein Symbol für die wirtschaftliche Entwicklung Yunnans. Errichtet durch die französische Kolonialmacht ist sie gleichzeitig ein Mahnmal des europäischen Imperialismus des frühen 20. Jahrhunderts. Erst durch ihren Bau wurde die Errichtung größerer Städte und Industrien möglich. Dauerte eine Reise nach Kunming im 19. Jahrhundert noch weit über zwanzig Tage, konnte man die Stadt danach von der vietnamesischen Grenze aus in 16 Stunden erreichen.

Der Bau der Yunnan-Vietnam-Eisenbahn war der Startschuss der Erschließung des rohstoffreichen Yunnan durch Frankreich, das in Indochina ein Kolonialreich aufgebaut hatte. Ziel war neben der Ausbeutung der Bodenschätze die Erschließung Yunnans für den französischen Markt.

Imperialistische Ausbeutung und technische Meisterleistungen

Die Yunnan-Vietnam-Eisenbahn steht für die koloniale Ausbeutung Südchinas und für den französischen und britischen Imperialismus, der Süd- und Südostchina prägte. Während die Französinnen in Südostasien Fuß gefasst hatten, war die britische Kolonialmacht bereits in Burma präsent. Beide nahmen einen Wettlauf um den politischen Einfluss und die begehrten Bodenschätze Yunnans auf und begannen so mit der Erschließung des Gebiets durch Bahnlinien.

Schließlich gewannen die Französinnen und konnten 1910 die Bahn vom vietnamesischen Tonkin nach Yunnan eröffnen. Für die Kolonialmacht hatte der Bahnbau nicht nur wirtschaftliche und militärische Funktion. Es galt mittels Technik Zivilisation und Modernität in die Länder zu bringen. Die Eisenbahn spielte hier eine Schlüsselrolle. Erst durch eine Bahnlinie wurde ein intensiver Austausch möglich.

Die Grenzen des Imperialismus

Der Bau der Bahn zeigt auch die Grenzen der Macht der Kolonialreiche auf. Schwierige geographische Bedingungen machten das Projekt zu einem fast aussichtslosen Unterfangen. Der Mangel an Arbeitskräften verzögerte die Errichtung der Linie in der dünn besiedelten Region mehrmals.

Die Tonkin-Kunming-Eisenbahn war so die teuerste aller Bahnlinien in ganz Indochina. Schließlich dauerte der Bau ganze zehn Jahre und kostete 17 Millionen Francs in Gold. Die Arbeiterinnen starben in Scharen an Malaria oder infolge der Arbeitsbedingungen oder Misshandlungen durch Bauherrinnen. Mindestens 12.000 der 60.000 Arbeiterinnen ließen während der Bauarbeiten ihr Leben. Die hohen Kosten des Bauprojekts machten es für Frankreich kaum profitabel.

Von Anfang an umstritten

Doch auch innerhalb der Französischen Kolonialverwaltung war der Bau der Eisenbahn nie unumstritten. So kritisierte Auguste François, Gouverneur von Südchina, das Mammutprojekt wegen seines geringen wirtschaftlichen Nutzens heftig. Andere Zeitgenossinnen beklagten die schlechten Arbeitsbedingungen auf der Baustelle.

Fast 100 Jahre war die Bahn in Betrieb, doch ihre Erhaltung war kostspielig. In den vergangenen Jahren war der chinesische Abschnitt in einem zunehmend schlechten Zustand. 2003 stellte schließlich das Eisenbahnministerium den Personenverkehr aus Sicherheitsgründen ein. Die Yunnan-Bahn wurde zu einer Vorortelinie von Kunming. Nur auf wenigen Kilometern werden noch Personen transportiert.

Doch langsam entdecken Aktivistinnen und Behörden den Nutzen der legendären Bahnlinie. Das Museum im Nordbahnhof ist ein wichtiger Schritt zu ihrer touristischen Erschließung. Bereits vor einigen Jahren wurde sie in die Liste nationaler Kulturdenkmäler aufgenommen, nun bemühen sich Bürgerinnen um die Anerkennung eines Teils der Bahn als UNESCO Weltkulturerbe.

Sehenswerte Ausstellung von Triebwägen und Waggons

Wir verlassen den historischen Teil der Ausstellung und überqueren einen Nachbau der legendären Wujiazhai-Brücke, deren Original in der Gemeinde Heping des Autonomen Kreises Pingbian der Miao gebaut wurde.

Wir betreten eine Remise, in der Dutzende historische Waggons und Lokomotiven einen guten Eindruck chinesischer Eisenbahngeschichte vermitteln. Es ist der krönende Abschluss des Eisenbahnmuseums. Nach einem Besuch im kleinen Museumsshop besuchen wir das liebevoll gestaltete Bahnhofscafé. Hier lassen wir die gewonnenen Eindrücke Revue passieren.

Im Nordbahnhof von Kunming wird ein wichtiger Teil der chinesischen Geschichte, der zu Unrecht vielen Menschen kaum bekannt ist, behandelt. Es ist eine Geschichte brutaler Kolonialpolitik und herausragender Technik, der wirtschaftlichen Entwicklung und der Ausbeutung von Land und Leuten. Diese Bahnlinie prägte die Entwicklung der ganzen Region wie kaum eine andere. Die Beschriftung der Exponate auf Chinesisch und Englisch macht diese Geschichte auch für Ausländerinnen greifbar.

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