Wenige Jägerinnen auf viel Wild

Von Arthur Müller

Ein Schalenwild das bis ins Burgenland anzutreffen ist, tummelt sich in riesigen Rudeln vor dem Todai-ji in Nara. An zahlreichen Merchandise-Ständen erfreuen sich besonders Kinder an Produkten zu dem Thema. Das öffentliche Image des gepunkteten Sika-Wilds ist „süß“, handzahm und zutraulich.

Anderswo, nämlich auf dem Land und im Forst, findet man das Sika-Wild meist weniger entzückend, denn die Wildtierpopulationen haben sich in den letzten Jahrzehnten derartig drastisch vermehrt, dass der Wildschaden ein ökologisches und ökonomisches zunehmendes Problem darstellt mit dem die Landbevölkerung, die Jagdvereine (ryoyukai) und das Umweltministerium überfordert scheinen. Probleme im Lizenzjagdsystem Japans bestehen in zweierlei Hinsicht. Einerseits verirrt sich immer mehr Wild in waldnahe Dörfer und Städte, andererseits gibt es immer weniger JägerInnen, die ihre Aufgabe im Management dieser Wildbestände sehen oder dieser auf Grund einer überalternden Jägergesellschaft nachkommen können.

Der dichte Wald, der im Japan der 50er und 60er im Rahmen von großflächigen Aufforstungsprogrammen (kakudai zourin) angelegt, jedoch auf Grund einer wirtschaftlichen Umorientierung im Industrie- und Manufaktursektor niemals gerodet wurde, bietet einen Lebensraum optimal für die Fortpflanzung von bestimmten Wildtierpopulationen, speziell Kulturfolgern wie dem Sika-Wild und Schwarzwild. Das Schadwild schält Bäume, entwurzelt Hänge und äst Knospen und Jungbäume kahl. Auch treibt der Klimawandel das Wild in immer höhere Lagen, wo es der teils bedrohten Vegetation zusetzt. Seit 1978 haben sich die Bestände von Wildschweinen um 130 Prozent, von Sika und Serau um 170 Prozent erhöht. Seit den 90ern steigt mit dem Zusammenbruch des Agrarsektors für Reisanbau der Wildschaden drastisch an, weil immer mehr Wildtiere auf der Suche nach Nahrung die Wälder verlassen.

Ebenso erreicht aufgelassenes and stillgelegtes Farmland seine bislang weiteste Ausbreitung auf 396.000 ha. In verlassenen Gegenden werden Wildbestände oft kaum erfasst und koordiniert. So sollen sich mittlerweile in der Fukushima-Region Wildschweine mit gewöhnlichen Hausschweinen durchmischt haben. Aus Angst vor verstrahltem Wildbret wurden diese meist nicht bejagt. Das Wild vermährt sich ungehindert in Abwesenheit natürlicher Jäger wie dem Wolf, der Anfang des 20.Jhds ausgerottet wurde. Da die natürliche Landschaft an Hecken, Büschen und Feldrainen zwischen Wald und Stadt (satoyama) nur noch bedingt anzutreffen ist, zieht es Selektionsäser wie das Sika-Wild und Allesfresser wie Wildschweine und Bären von ihren kleinen, zerklüfteten Habitaten auf der Suche nach Nahrung bis in die Zivilisation. Unlängst soll ein Wildschwein es bis zum Hauptbahnhof in Nagano geschafft haben. Zumeist wird ein Zwangsabschuss zur Schadwildreduktion von der Präfektur beauftragt und vom lokalen Jagdverein durchgeführt. So fanden etwa 60 Prozent der Abschüsse 2011 außerhalb der vorbestimmten 4 Monate Jagdsaison über den Winter statt. Zu einer nachhaltigen Lösung der ökologischen Probleme konnte das bisherige Jagdkonzept jedoch nicht beitragen, denn 2010 erreichte der Wildschaden in der Primärindustrie, hauptsächlich verursacht durch Sika-Wild, Wildschweine und Krähen, einen Höhepunkt von 23.9 Millionen Yen.

Auf der anderen Seite verringert sich die jagende Bevölkerung seit 1978 jährlich um durchschnittlich 3,6 Prozent. Mittlerweile sind mehr als 70 Prozent der jagenden Bevölkerung über 50 Jahre alt und maßlos mit der Situation überfordert. Die jungen Menschen wandern seit den 70ern zunehmend ab. Zumeist auf der Suche nach Selbstverwirklichung, Berufssuche oder der Suche nach einer Frau verlassen sie ihre Heimatdörfer, und die Alten bleiben zurück. Das Interesse an Jagd ist schwinden wollend und mit ihm das lokale, kontextgebundene Wissen um die Traditionen Japans alter Jagdkultur, der Matagi. Die traditionellen Matagi teilen viele Gemeinsamkeiten mit Jagdkulturen Nordostasiens wie den Ainu und Udehe.

Die modernen Matagi sehen sich selbst eher als Sport- und Hobbyjägerinnen als dass sie ihrer Hegeverpflichtung zum Wildtiermanagement als Revierbeauftrage nachkommen. In wenigen Regionen, wie Tohoku, werden noch einige lokal spezifische Jagdbräuche speziell in der Akita und Aomori Präfektur am Leben erhalten. In den durch die Ramses Konvention geschützten Feuchtgebieten von Katano-Kamoike in der Ishikawa Präfektur jagen nach wie vor 20 Sakaami-Jäger nach einer alten Netz-Jagdmethode Enten.

Jeder Nachschub an Jungjägerinnen wird willkommen geheißen, doch trotz leicht steigendem Interesse urbaner Jägerinnen, sogenannter „recreational-hunters“, am Land der Jagdtätigkeit nachzugehen, bleibt die große Verstärkung aus den Städten, ungeachtet der Marketingveranstaltungen und Wildbretverkostungen der Jagdvereine, aus, und die jagdwirtschaftliche Bedeutung von Wildbret in der japanischen Küche außerhalb Hokkaidos dementsprechend gering. Der Zugang zu einer Jagdlizenz gilt als ein langwieriger bürokratischer Aufwand, denn das Waffengesetz Japan ist bekanntlich eines der strengsten weltweit. Erst nach 10 Jahren Umgang mit einer Flinte darf eine Büchse erworben werden. Nachteilhafterweise wäre genau diese notwendig um verstärkt Jagd auf Hochwild durchzuführen. Ebenso sinkt die einst große Bedeutung der Fallenjagd, denn die meisten JägerInnen sind mit der täglichen Kontrolle von Lebendfangvorrichtungen überfordert.

Jagd bleibt ein weiterhin kostspieliges Hobby, denn das Equipment ist teuer, und Jagd- und Waffenlizenz müssen im Abstand von 3 Jahren wiederholt werden. Für viele potentielle Interessentinnen stellen die rigiden und strikten Gesetze Hindernisse dar, am Jagdgeschehen teilzunehmen. Denkbare Möglichkeiten Jagd zu intensivieren und attraktiver zu gestalten wären beispielsweise die Einführung von Berufsjägerinnen zur Schadwildreduktion, verstärkte Vermarktung von Wildbret, Aufklärungs- und Imageverbesserungskampagnen sowie die Öffnung Japans für einen regulierten und kontrollierten Jagdtourismus.

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