Apokalypse

Von Martin Winter

Der Lyriker Chen Kohua wurde in Hualien im Osten Taiwans geboren. Er absolvierte ein Medizinstudium an der Medizinischen Hochschule in Taipei und arbeitet als Oberarzt der Augenabteilung des Veteran General Hospital in Taipei. Chen Kohua erhielt mehrere Literaturpreise und ist auch in der Malerei und als Fotograf tätig. Im folgenden Gedicht beschreibt er durch seine grafische Schilderung von Umweltverschmutzung und Naturkatastrophen in Metaphern der Krankheit und des Verfalls eine apokalyptische Vision der Welt, in der wir leben – und sterben.

Apokalypse von Chen Kohua

Das letzte El Niño-Jahr
Nach dem Hochwasser kam die Dürre.
Heute morgen ist es sehr still. Still wie im Aug’
Des Taifuns- im Spiegel
Schwillt auf deiner Haut ganz still ein Klumpen. Wie wenn du sagst, besorgt: Anscheinend bin ich krank …
Mit einem Eiswürfel im Mund. Machst einen Kopfstand.
Kostest deinen Urin. Oder die Heilung durch Versenkung –
Im Kopf fährst du zu einem einsamen Wasserfall
Tauchst hinein
Klares Wasser, viele Fische.
Eins, zwei, drei … nicht doppelt zählen!
Ein Schwarm identischer Fische. Du musst alle zählen
“Dann vergisst du, dass du krank bist”, sagen die Fische.
Dann bist du geheilt,
Kehrst zum Festland zurück. Schlüpfst aus den Schuppen,
Häutest dich vollständig, mit diesem Klumpen –
Du schäumst aus dem Mund
Ziehst den Bauch ein
Mit aufgesperrten Feueraugen durchschwimmst du die Luft der Phantasie
Bis zum Zentrum des Bösen im Universum,
Der Sonne. Die ultraviolette Strahlenkanone des Sonnenkonzerns
Vernichtet die Samenpatronen, die Bakterienbrigade in den Arterien
Verstreut in die Erde die Zellen der Schwellungen
Der Biohof der guten weißen Blutkörperchen gegen die Truppen der bösen weißen Blutkörperchen
Ein Vernichtungskampf. Rasend türmen sich Leichen,
Den Leichen entweichen Massen von leuchtendem Phosphor.
Der giftige Phosphor dringt dir ins Bewusstsein ins Unbewusste ins Unterbewusstsein
In alles Bewusstsein …
Und so schwillt dir ein kleiner Klumpen.
Wie ein neugeborener Vulkan
Von asphaltartigem Eiter:
„Sie dürfen weder schwimmen noch ihre Kreditkarte benützen, schon gar nicht unter der Dusche urinieren.“
Du nickst, als fasstest du einen Milleniumsvorsatz.
Wirst nur noch wohnen wo dich die Wogen erreichen,
wo aus dem Ozonloch wie die untergehende Sonne
leuchtend der Atem der Erde entweicht ….
Und das Meer im Hochsommer denk dir
Voller brütender Fischeier, Sperma, versunkener Schiffe
Abwässer, Atommüll, der Ozean
Heute morgen ist das Meer angeschwollen,
Ein Taifun.
Du siehst die kreisende rasende Energie,
Entschlossener als die Evolution, ungeduldiger als der Tod,
Mehr beseelt von Naturkraft als deine Haltung.
Unzerstörbarer als deine Heilung durch Meditation
(Und die Menschheit muss vor der Ankunft
Des Taifuns im leichten violetten Wind abschließen
Alle Überlegungen zum Problem des Lebens ….)
„Es ist entzündet…“, sagt der Arzt ungerührt. Es ist nur ein Hautklumpen
In Form eines heiligen Kindes, ein
El Niño-Phänomen
Das heilige Kind im Bauch der Sonne wird immer kräftiger
Der Sommer auf der Erde wird heißer und heißer
Gott in den Wolken weint, seine Träne verdampft auf halbem Wege
Die Luft kocht wie Wasser
Identische eins zwei drei
Unzählige panische Fische vertrieben
(Auf der Erde erscheint der erste Leichenfleck)
Und deine Haut entzündet sich und verfault.

Das letzte El Niño-Jahr aus dem Zyklus Apokalypse.

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Übersetzung von Martin Winter.

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