Bei Ling: „Ich lebe in der Sprache“

Interview
von Esther Dischereit

Bei Ling (*1959, Shanghai) lebt als Schriftsteller und Essayist in den USA und in Taiwan. Von ihm erschienen unter anderem „Der Freiheit geopfert – Die Biographie des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo“ (2011) und „Ausgewiesen. Über China“ (2012). Esther Dischereit interviewte ihn für dasReispapier.

Esther Dischereit: Es gibt eine Zeile in Ihrem Gedicht „Verbannung“: „Mit meinen Zeichen putz ich den Himmel des Auslands“ und weiter heißt es: „Die Wurzeln der Dinge / Die bleiben und halten uns weiter gefangen // Hier bin ich verbannt / Bis ans Ende der Zeit / Wie ein Fluch auf dem Land“ (Übersetzung von Martin Winter). Mich erinnern diese Zeilen an die griechische Trägodie. Wohnen Sie in der Sprache? Oder in Räumen, die dazwischen sind, und wer teilt sie mit Ihnen?

Bei Ling: Seit 1989 bin ich viel umhergestreift, ohne festen Wohnsitz. Im Herbst des Jahres 2000 wurde ich aus China deportiert, seitdem bin ich im Wortsinn im Exil. Ich meine Exil als einen Ort. Was ich mitbringe, ist die Sprache. Meine Muttersprache, in der ich lebe. Mit Englisch komme ich in der Welt zurecht, in meiner Muttersprache schreibe ich. Ja, ich bin in der Welt in der Sprache. Ich brauche jemanden, der mich versteht. Das lässt mich an Paul Celan denken, der sein ganzes Leben lang viele Briefe schrieb. Jeden Tag. Er hat sich in Briefen ausgesprochen, nicht von Angesicht zu Angesicht.

Sie gründeten das literarische Magazin „Tendenzen“. Es erschien sieben Jahre lang bis zum Jahr 2000. Sie wurden dafür verhaftet und ausgewiesen. Können Sie sich eine Wiedergeburt vorstellen?

Nachdem ich aus dem Gefängnis freigekommen und aus China deportiert worden war, habe ich in Taiwan die 13. Ausgabe der Zeitschrift „Tendenzen“ nachgedruckt; die Ausgabe, die in Peking beschlagnahmt worden war. Am Ende ging es nicht mehr weiter. Leider. Aber ich will weitermachen, wollte es immer. Wenn ich in Berlin ein Stipendium für ein Jahr bekommen sollte, dann lasse ich „Tendenzen“ wieder aufleben. Das möchte ich unbedingt.
Seit dem Tod meiner großen Mentorin Susan Sontag habe ich die größte Unterstützung in Deutschland erfahren, durch deutsche Literaten und Intellektuelle, durch deutsche Verlage. Vor allem in den letzten drei Jahren.

Mit der Gründung der Zeitschrift sind wir eine Selbstverpflichtung eingegangen. Wir hielten uns an ihr fest. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wollte Adorno Walter Benjamin dazu bewegen, Paris zu verlassen und in die USA zu kommen. Walter Benjamin meinte daraufhin: „Hier gibt es noch einige Werte zu verfechten.“

Sollte „Tendenzen“ wieder auf Chinesisch herauskommen, dann möchte ich das „Exil in der Literatur“ zum Thema machen; mit Texten aus verschiedenen Sprachen, neuen und bereits existierenden Texten. Auf der Karte der Weltliteratur wäre das eine Renaissance.

In Ihrem neuen Buch berichten Sie von Untergrundliteratur, von den Literaturen des Exils und von Unabhängigen Stimmen. Inwiefern unterscheiden sich diese verschiedenen Literaturen von der offiziell genehmigten Produktion und was unterscheidet sie untereinander? Was meinen Sie mit „Unabhängigen Stimmen”?

Meinem Verständnis nach entsteht die chinesische Exilliteratur aus der Untergrundliteratur. Sie unterscheidet sich von der offiziell anerkannten Literatur durch die Erfahrungen der Schriftsteller und durch ihren Charakter, vor allem aber besteht ein Unterschied in der Ästhetik. „Unabhängige Stimmen“, das heißt, dass Schriftsteller nicht vom offiziellen Schriftstellerverband und von den Kulturbehörden abhängig sind, und vor allem heißt es, dass sie sich nicht selbst zensieren, um in China publizieren zu dürfen. In China sind alle Verlage dem Staat „unterstellt“; der Staat hat das Recht auf Kontrolle und Zensur aller Publikationen. Eine offizielle Publikation zu haben, ist also in China nicht unbedingt das Ziel. Früher hat man Gedichte und Manuskripte in der Schublade oder an einem sicheren Ort versteckt. Heute gibt man diese Texte in einen Computer ein; dann muss man warten, welches Schicksal sie haben.

Als Sie in Haft saßen, bot man Ihnen die Freiheit an. Im Gegenzug hätten Sie als Spitzel für das Regime arbeiten sollen. Sie lehnten ab. Hannah Arendt spricht von der Handlungsmächtigkeit des Einzelnen, auch unter den Bedingungen der Diktatur. Waren das die Fragen, die Sie mit Vaclav Havel verbunden haben?

In meinem Buch „Ausgewiesen. Über China“ (Der chinesische Titel bedeutet: „An-etwas-stur-festhalten“.) gibt es ein Kapitel, das davon handelt, wie ich im Herbst 2000 wegen „illegaler Publikation“ eingesperrt war. Erst zehn Jahre später konnte ich die Einzelheiten niederschreiben. Eines der Verhöre dauerte die ganze Nacht. Es kamen einige hohe Beamte in Zivil, die ich nicht kannte. Sie meinten, ich werde zehn Jahre bekommen. Die Beamten sagten, um einem solchen Urteil zu entgehen, müsse ich ein „hochgestellter Freund“ werden. Ich sagte ihnen, das könne ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.

Ich habe im Gefängnis auch meine Schwäche kennengelernt. Ich hatte nie die Absicht, als politischer Idealist bewundert zu werden, der „mit seinem Hintern“ den Gefängnisboden durchsitzt, wie man bei uns sagt. Deshalb ging ich ins Exil. Bevor ich ins Gefängnis kam, hatte ich bereits die Briefe Havels aus dem Gefängnis herausgegeben. 2004 bekam ich die Gelegenheit, Vaclav Havel selbst zu sagen, dass dieses Buch mir während meines kurzen Gefängnisaufenthalts geholfen hatte, mich zu fassen. 1998, als ich in Taiwan mit der Herausgabe der Briefe Havels aus dem Gefängnis beschäftigt war, tat ich das auch, um dieses Buch Freunden und Angehörigen in China schenken zu können, die mit dem Gefängnis Bekanntschaft gemacht hatten, wie Liu Xiaobo und seine Frau Liu Xia. Ich hatte nicht daran gedacht, dass ich auch einer von ihnen werden könnte. Unter der Autokratie in China ist die Kraft des Einzelnen, die man durch seinen Glauben besitzt, von der Hannah Arendt gesprochen hat, etwas sehr Schwaches. Es ist höchstens eine Rettung für einen selbst.

Sie waren einer der Gründer und wesentlich am Aufbau des Independent Chinese PEN Centres beteiligt. Sie verlangten zum Beispiel, dass die Stimmen der Inhaftierten und ins Exil getriebenen chinesischen Autorinnen und Autoren auf der Londoner Buchmesse zugelassen werden. Sie haben die Zusammenarbeit mit GAPP, dem staatlichen Ministerium für Zensur, kritisiert. Wozu führt eine solche Intervention?

Auf der Frankfurter Buchmesse 2009 war ich eingeladen, einen Vortrag bei einem Symposium im Vorfeld der Buchmesse zu halten. Diese Einladung wurde widerrufen, aber unter dem Druck der Medien in Deutschland wurden Dai Qing und ich dann doch wieder eingeladen.

Die chinesische Literatur der Gegenwart ist sehr reichhaltig. Es gibt viele verschiedene Strömungen. Exilliteratur, Untergrundliteratur und ganz allgemein Literatur, die nicht in China publiziert werden kann. Aber während der Londoner Buchmesse 2012 ist dieser wichtige Teil der chinesischen Gegenwartsliteratur ausgeschlossen. Das British Council, eine Organisation, die der britischen Regierung untersteht, und die eine lange Tradition von Demokratie und Freiheit repräsentieren sollte, arbeitet für den China-Schwerpunkt der Buchmesse ausschließlich mit der chinesischen Zensurbehörde GAPP zusammen. Das ist weder klug noch ehrenvoll. Deshalb habe ich in zwei offenen Briefen Vorschläge gemacht. Ich habe sie kritisiert. Ich sehe das auch als meine Pflicht als Bürger an, sozusagen als Anwalt der Literatur. Ich kann nicht nur meinem Heimatland gegenüber die Stimme erheben und dann etwa der englischen Regierung gegenüber Schweigen bewahren.

Das Gespräch wurde am 13. April 2012 in deutscher und chinesischer Sprache geführt. Übersetzungen stammen von Allen Hongwei und Martin Winter.

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