Die Geschichte des Kim Jong-Ryul

Von Patrick Vierthaler

In dem 2010 im Ueberreuter Verlag erschienenen Buch „Im Dienst des Diktators: Leben und Flucht eines nordkoreanischen Agenten“ erzählen die österreichischen Journalisten Ingrid Steiner-Gashi und Dardan Gashi die Lebensgeschichte eines seit zwanzig Jahren in Österreich lebenden ehemaligen nordkoreanischen Agenten.

Kim Jong-Ryul wird 1935 im von Japan annektierten Korea geboren. 1947 zieht seine Familie nach Nordkorea. Er absolviert Mitte der 1950er-Jahre ein Studium des Maschinenbaus in der DDR und erlebt Dinge, die ihm aus der Heimat unbekannt sind: er wird satt, kann sich frei bewegen und niemand treibt ihn zu Parteiversammlungen. Während Kim Il-Sung seinen Einfluss erweitert, erreicht die zunehmende Repression auch die Auslandsstudenten in Form von Schulungen in den Sommerferien. Gruppensitzungen, Selbstkritik, und Vorträge über Kim Il-Sungs „Wohltaten“ gehören bald zum Alltag. Kim Jong-Ryul lässt den harten Griff der Partei mit dem Ziel des Studienabschlusses über sich ergehen.

Doch 1962 kommt über Nacht die erzwungene Rückkehr nach Pjöngjang. Angeblich handelt es sich um einen temporären Aufenthalt, doch eine Rückkehr in die DDR steht außer Frage, da den Studenten „Revisionismus“ vorgeworfen wird. Aufgrund tadelloser Noten in Deutschland steht jedoch Kim Jong-Ryuls Karriere in Nordkorea nichts im Weg.

Als Offizier und ausgebildeter Ingenieur fliegt er in den kommenden Jahren wiederholt als Leiter einer „Einkaufsabteilung“ nach Europa, um Luxusprodukte für hohe Parteikader und andere begehrte Güter anzuschaffen. Eine bemerkenswerte Karriere für nordkoreanische Verhältnisse.

Kim Jong-Ryul hat als einer der wenigen die Möglichkeit, sich über Ereignisse im Ausland zu informieren. Er erinnert sich an die Studienzeit in der DDR. Gegen Ende der 1980er-Jahre auch nur ein Wort über die Veränderungen in Europa zu verlieren, könnte für ihn und seine Familie die Internierung in ein Straflager bedeuten.

Kim Jong-Ryul nähert sich seinem 60. Lebensjahr. Er steht vor einer ungewissen Zukunft, da die damit verbundene Pensionierung das Ende sämtlicher Privilegien bedeuet. Ende Oktober 1993 geht er mit zwei Kollegen auf eine Einkaufsreise nach Wien. Der Aufenthalt verlängert sich, die drei werden in einer Wohnung im 11. Bezirk untergebracht und Jong-Ryul tätigt heimliche Vorbereitungen für seine Zeit nach der Flucht. Er organisiert sich Hausrat und eine Wohnung.

Ein Jahr später, am 18. Oktober 1994, steht der Rückflug bevor. Gekauft wurden unter anderem Gasmasken, Metalldetektoren und Feuerwehrautos. In Bratislava nützt Kim Jong-Ryul die Gunst der Stunde und flieht nach Wien. Mit 20.000 US-$ in bar taucht er in einem Vorort von Linz in einer kleinen Wohnung als „Emil“ aus Japan unter und beginnt ein neues Leben.

2010 nimmt er schließlich Kontakt zur österreichischen Journalistin Ingrid Steiner-Gashi auf. Selbst wenn dieses Buch seinen Tod bedeuten könnte, wolle er seine Geschichte erzählt wissen. Seiner Familie droht das Straflager.

Die in der dritten Person verfasste Biographie ist flüssig geschrieben. Informationen über die Geschichte und politische Lage in Nordkorea runden den Plot ab. An Geschäften mit Nordkorea beteiligte Firmen hüllen sich jedoch oftmals in Schweigen. Dies erschwert weitere Nachforschungen ebenso wie die Tatsache, dass man keinen Zugang zu nordkoreanischen Einrichtungen hat und viele Geschäfte in einem legalen und moralischen Graubereich abgeschlossen werden. Demokratische und ethische Grundwerte scheinen dabei oft in den Hintergrund zu rücken. Frei nach dem Grundsatz: Ein Geschäftspartner ist ein Geschäftspartner, ob er nun aus Nordkorea oder einem anderen Staat dieser Erde kommt.

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