Gewachsen oder geplant – Kulturviertel in Hong Kong und Tokyo

Von Lea Pao und Michael Prammer

Der West Kowloon Cultural District (WKCD) in Hong Kong und Shimokitazawa in Japans Hauptstadt Tokyo sind zwei Kulturviertel, denen enorme Veränderungen bevorstehen. Die Stadtplanerinnen der beiden Megastädte haben Großes vor, doch Stadtplanung ist im 21. Jahrhundert kein einseitiger Prozess. Bürgerinneninitativen kämpfen um das Mitspracherecht, ihre Stadt zu gestalten.

Noch ist der WKCD eine Zukunftsvision, die in den kommenden Jahren auf einer Fläche von rund vierzig Hektar verwirklicht werden soll. Gleich neben Hong Kongs höchstem Wolkenkratzer soll das entstehen, was der schnell wachsenden, dynamischen Metropole nach Meinung der Planerinnen fehlt: ein moderner, pulsierender Kulturbezirk.

Im März dieses Jahres wurde das renommierte Architekturbüro Foster + Partners mit der Umsetzung des Prestigeprojektes City Park beauftragt. Rund die Hälfte des Areals soll aus öffentlichen Parks und Grünflächen bestehen und liegt damit ganz im Trend des neuen, klimabewussten Hong Kongs. Im neuen Kulturbezirk sollen Messezentren, ein Museum, Theater und Konzerthallen errichtet werden, um den Bedürfnissen der kulturellen Szene der internationalen Metropole nachzukommen. Dies ist ein gigantisches Vorhaben, in das die Stadt umgerechnet etwa zwei Milliarden Euro an Baukosten investiert.

Ein anderes Bild ergibt sich in Shimokitazawa, einem Stadtteil im Zentrum Tokyos. Während man durch das Viertel schlendert, fühlt man sich nicht, als wäre man in Japans hektischer Hauptstadt. Zahllose Fahrräder und enge Gassen dominieren das Erscheinungsbild. Autos sucht man hier vergeblich. Shimokitazawa ist eines der populärsten Kulturviertel Tokyos und Heimat zahlreicher Künstlerinnen, Musikerinnen und Studenteninnen. Das Viertel wird seit einigen Jahren von einem Straßenbauprojekt bedroht, das viele Teile der Nachbarschaft und seinen einzigartigen Charme zerstören würde. Viele Bewohnerinnen haben sich zu Bürgerinneninitiativen zusammengeschlossen und wehren sich gegen die Renovierungspläne der Stadt, mit denen sie das Ende des Kulturviertels fürchten.

In Hong Kongs WKCD und Tokyos Shimokitazawa stehen sich Bagger und Künstlerinnen gegenüber. In einer Zeit, in der die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten lebt, stehen Städteplanerinnen vor enormen Herausforderungen. Die Frage nach Lebensqualität und Nachhaltigkeit wird zur Überlebensfrage von Stadtverwaltung, Stadtplanung und Bevölkerung. Die Megastädte des 21. Jahrhunderts müssen es schaffen, den Bogen zwischen Kommerz und Kultur zu spannen.Die Zusammenarbeit zwischen der lokalen Bevölkerung und den Stadtplanerinnen prägt beide Kulturviertel, das gerade im Entstehen begriffene genauso wie das von der Zerstörung bedrohte.

Am Beginn der Planung des WKCD vor bereits zehn Jahren war von Einbindung der Öffentlichkeit keine Spur. Der Plan sah in erster Linie die Neuerrichtung eines monumentalen Kulturbezirks vor, um Hong Kong auch als kulturellen Standort attraktiv zu machen. Bald wurde der Protest der Bevölkerung gegen die Bebauung des öffentlichen Raums durch private Immobilienfirmen und Grundstücksentwicklerinnen laut. Mehrere zivile Gruppierungen wie „The Professional Commons“ oder das Projekt „West Kowloon Cultural Dialogues“ setzen sich für die Berücksichtigung der Bevölkerung, mehr öffentlich nutzbare Räume und Förderung lokaler Künstlerinnen ein. Der neue Entwurf des Kulturbezirks von Foster + Partner sieht die allmähliche Verschmelzung des City Park mit seiner Nachbarschaft und der gesamten Stadt vor. So sagt Colin Ward, ein Architekt des Büros: „Wir haben versucht, die Kultur nicht von der Stadt zu isolieren. Kultur funktioniert am Besten, wenn sie in eine Stadt eingebettet ist“.

Die Kritik verstummt jedoch nicht. In einer Umfrage unter hundert Bewohnerinnen des angrenzenden Bezirks sagten rund 70 Prozent, der neue Kulturbezirk hätte nichts mit ihnen zu tun. Die Sorge, dass von dem neuen Kulturviertel einzig Touristinnen, Immobilienmaklerinnen und die wohlhabende Oberschicht profitieren würden, ist groß.Einige tausend Kilometer davon entfernt beherbergt Shimokitazawa Menschen, die mehr sein wollen als bloße Bewohnerinnen. Sie fürchten um den Verlust der Identität des Viertels und fordern von der Stadtverwaltung, die lokale Kultur, Geschichte und räumliche Struktur zu respektieren. Mit zahlreichen Internetinitiativen, wie zum Beispiel „Save the Shimokita“, „Shimokitavoice“ oder „Shimokita Action“, organisieren Bürgerinnen und Künstlerinnen seit Jahren Veranstaltungen, und richten Petitionen und Appelle an die Politik, um gegen die Baumaßnahmen mobil zu machen.Städte sind seit jeher Zentren von Kultur, Kunst und Kreativität. Stadtpolitik und Stadtplanung tragen idealerweise dazu bei, lokale kreative und künstlerische Aktivitäten zu fördern. Urbane Modernisierung und Revitalisierung haben oft negative Auswirkungen auf Bewohnerinnen und Künstlerinnen. Steigende Mieten und Preise in hip gewordenen Gegenden zwingen viele, in billigere Wohngegenden abzuwandern. In anderen Fällen, wie etwa Shimokitazawa, steht ein Viertel vor seiner Umstrukturierung oder Zerstörung. Geplante Kunstviertel wie der WKCD hingegen laufen Gefahr, mit vorbestimmten Bedeutungen behaftet zu sein und sich in Touristinneninseln oder zersplitterte Künstlerinnenenklaven zu verwandeln. Beide zeigen trotz ihrer Unterschiede, dass die Einbindung der Bewohnerinnen und Künstlerinnen in den Prozess der Errichtung von Kulturvierteln sinnvoll ist. Nicht nur die Lebensqualität der beiden Megastädte hängt davon ab, sondern auch ihre Kunst.

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